Politische Ratlosigkeit und sprachliche Hyperventilation

Die Nachbeben der Präsidentschaftswahlen in den USA sind immer noch zu spüren. Besonders in Deutschland. Und ganz besonders in einigen „Leitmedien“ mit dem Anspruch zur korrekten pädagogisch-politischen Erziehung der immer schmaler werdenden Leserschaft.

Während der scharfe Ton bundesrepublikanischer Spitzenpolitiker, etwa Steinmeiers Bezeichnung Trumps als „Hassprediger“, einem gewissen Pragmatismus Platz gemacht hat, lecken zahlreiche Journalisten offensichtlich immer noch ihre Wunden. Noch und noch hatte man gegen den Mann angeschrieben, man hatte gemahnt und gewarnt, ihn dämonisiert und zugleich zur Witzfigur gemacht. Und zudem hatte man fälschlicher Weise auf den Sieg Clintons gesetzt!

Anstatt jetzt einmal die Füße etwas still zu halten, abzuwarten, wie der Mann tatsächlich agiert, welche seiner pompösen Ankündigungen  tatsächlich umgesetzt werden sollen, drehen einige der vom amerikanischen Wähler enttäuschten deutschen Journalisten nun völlig am Rad. So unterzieht  Dirk Kurbjuweit Trump im SPIEGEL (47/2016, S. 128 ff.) einem „Faschismustest“ mit so erhellenden Auskünften, dass den „Faschismusexperten Robert O. Paxten“ Trumps „hervorstehender Unterkiefer an Mussolini erinnere“ und dass sich „im Umgang mit Frauen“ durchaus „Parallelen“ finden dürften. (S. 128) Na ja, es gab auch ´mal die witzig gemeinte Formulierung – wenn ich mich recht erinnere in Günter Amendts Klassiker „Sexfront“, Homosexuelle erkenne man an der Schuhgröße. Nach diesen leichten Anklängen an die Physiognomik- Lavater läßt grüßen – stellt Kurbjuweit fest: „Auf der politischen Ebene ist der Vergleich schwierig, weil es so viele Vorstellungen gibt, von dem, was Faschismus ist.“(S. 128). Recht hat er da, der Kurbjuweit. In der historischen Wissenschaft ist die Analyse und Bezeichnung dessen, was Faschismus ist und welche Kennzeichen er hat, äußerst umstritten und erst recht problematisch, sobald man seine wesentlichen Ausprägungen im 20. Jahrhundert (italienischer Faschismus, Franco-Diktatur, Nationalsozialismus) verlässt und sich der Gegenwart zuwendet. Welche Konsequenz zieht aber Dirk Kurbjuweit aus seiner Erkenntnis? Anstatt nun seinen Griffel zur Seite zur legen und zum Thema zu schweigen, dreht er erst richtig auf. Und kommt mit einem 14-Punkte-Katalog um die Ecke, den Umberto Eco einst aufgestellt hat, eine „Art Faschismustest also“, wie Kurbjuweit schreibt – allerdings ohne sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, ob dieser Test wissenschaftlichen Kriterien stand hält oder eher auf der Linie der Alltags-Psychologie-Tests liegt, wie wir sie immer wieder in (Frauen-)Zeitschriften zwischen Schminktipps und Schnittmustern finden können. Diesen Text arbeitet der SPIEGEL-Mann nun ab – mit mehr oder weniger überzeugenden Einzelergebnissen. Am Ende lautet das Resultat: „Achtmal JA, fünfmal Nein, einmal Unentschieden.“ Wenn es nicht um ein so erstes Thema ginge, wäre das alles nur ein dummer Witz, eine alberne Spielerei. Was soll das Ergebnis mir sagen: Ist Trump also jetzt ein Acht-Vierzehntel-Faschist? Und macht ihn die Ähnlichkeit seines Kinns mit dem von Mussolini zum 100%igen Faschisten? Oder können wir wegen der fünf Neins noch Hoffnung haben? Und was ist mit dem Unentschieden? Ist das so etwas wie halb-schwanger?

Um sicher zu gehen, führt Kurbjuweit eine zweite Position ein, nämlich die des bereits erwähnten Kinn-Experten Paxton, dessen Überlegungen aber zu unserer Verblüffung zu dem Ergebnis kommen, Trump sei kein Faschist (mehrere der von ihm aufgestellten  Kriterien treffen auf Trump nicht zu!).

Was macht der SPIEGEL-Autor mit diesem Ergebnis?

Er überschreitet unter Verwendung des Konjunktivs die Grenzen der Mathematik und der Logik hin zum Obskurantismus, wenn er schreibt: „Zwei Tests, zwei Ergebnisse, die mehrheitlich dafür sprechen, mit Trump könne sich der Faschismus in den USA etablieren, einmal ganz knapp, einmal nicht.“ (S. 130)

Zum Ende seines Artikels empfiehlt er dann allerdings, Trump nicht einen Faschisten zu nennen, weil man sonst seinen Wählern unterstellt „dem Faschismus verfallen zu sein, halb Amerika also. Halb Amerika in der Ecke, in der Hitler und Mussolini stehen. Als Deutscher sollte man mit solchen Zuteilungen ohnehin vorsichtig sein.“(S. 131)

Tja, schade, dass wir als Deutsche diese verdammte Last der Geschichte auf den Schultern haben! Ohne diese Last könnte man Trump den Begriff „Faschist“ ja viel schneller ankleben – auch ohne Rücksicht auf seine Wähler! Und dabei ist das Hantieren mit der Bezeichnung „Faschist“ doch so praktisch! Man muss, wenn man dieses Etikett verwendet, nicht mehr die Realität beschreiben, die Fakten analysieren und bewerten, genau hinschauen, was Trump tatsächlich macht bzw. machen will. Man muss auch nicht mehr differenzieren zwischen Patriotismus, Nationalismus, Rassismus, Autoritarismus, Demokratiefeindlichkeit. Man holt einfach den dicken Hammer raus und schlägt zu, sollte man meinen! Dass diese Verfahrensweise letztlich nicht hilft, haben die Wahlergebnisse für Trump doch längst gezeigt! Ähnlich wie ja auch das ständige Mantra vom Rechtspopulismus nicht den Aufstieg der AfD verhindern konnte!

In der nämlichen SPIEGL-Ausgabe wird übrigens demonstriert, wie das mit dem dicken Hammer funktioniert. Jakob Augstein schert sich nicht um die gedanklichen Irrungen und Wirrungen seines Redaktionskollegen. In seinem Beitrag „Freie Fahrt für reiche Bürger“, in dem es eigentlich um die Idee Schäubles geht, Finanzierung, Bau und Betrieb von Autobahnen zu privatisieren, zeigt sich die Fixierung  großer Teile der geistigen Elite auf Trump daran, dass Augstein einen geistigen Bogen zu Trump schlägt, den er kurzerhand als „De-facto-Faschisten“ (S. 8)bezeichnet.

Jetzt haben wir mit Trump also einen Acht-Vierzehntel-Faschisten, den man aber vorsichtshalber (Achtung! Deutsche Geschichte, also vermintes Terrain) nicht so nennen soll und einen De-facto-Faschisten! Und nun?

Diese sprachliche Hyperventilation (Faschist! Faschist!) ist nichts anderes als ein Ausdruck tiefster Verunsicherung und politischer Ratlosigkeit!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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