Die Sache mit dem Genitiv oder Wie man Herrn Höcke auf den Leim gehen kann

Dieser Höcke ist ein fürchterlicher Typ. Und noch dazu Lehrer. Es gruselt mich bei der Vorstellung, dass dieser Krypto-Nazi neben mir am Tisch im Lehrerzimmer gesessen und im Unterricht seinen Gedankenmüll auch über meine Schülerinnen und Schülern ausgekübelt hätte.

Höcke ist ein Provokateur, der weiß, wie man Aufregung erzeugen kann: in Deutschland am besten dadurch, dass man auf der Klaviatur der Erinnerungskultur und des Gedenkens an die die Nazi-Diktatur und des Holocaust spielt (siehe hierzu auch meinen Beitrag: Der Berg hat gekreißt und eine Maus wurde geboren an anderer Stelle im HerrKules). Und wieder einmal hat er erfolgreich die Empörungsmaschine über einen seiner Beiträge zum Laufen gebracht.

Wobei ich mich darüber wundere, worüber man sich empört! Empören könnte man sich darüber, dass Höcke offensichtlich eine Revision unseres Geschichtsbildes fordert, wenn auch mit einer völlig – wie häufig in seinen Reden- schiefen und misslungenen Metapher, wenn er sagt, wir müssten uns um 180 Grad drehen, oder wenn er behauptet, die Bombardierung Dresdens im II. Weltkrieg sei eine „Umerziehungsmaßnahme “ gewesen.

Einer seiner Hauptvorwürfe: die Deutschen beschäftigten sich zu sehr mit den dunklen Seiten ihrer Geschichte, also der Nazizeit, und zeigten den Schülern nicht die positiven Seiten unserer Geschichte auf. In diesem Kontext sagt er dann, die Deutschen seien das einzige Volk der Welt, „das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Diese Äußerung kann man kritisieren. Man kann auf dem Standpunkt stehen, dass es richtig ist, dass wir uns dazu entschlossen haben, ein „Denkmal der Schande“ in die Mitte Berlins zu stellen (gemeint ist ja wohl das Holocaust-Mahnmal). Das ist eine Frage des politischen Standortes, der Einstellung zum Umgang mit unserer Vergangenheit. Und dann kann man eben auch Höckes Kritik an diesem Umgang mit unserer Vergangenheit kritisieren, nämlich dadurch, dass man in eine Auseinandersetzung darüber eintritt, wie wir heute mit der Zeit des Faschismus in Deutschland umgehen und umgehen sollten.

Leider wird bei der Empörung über Höcke der Kern der Sache gerne verfehlt, weil man schon mit Schaum vor dem Mund los redet, ohne  hinzuschauen oder hinzuhören.

Ein Beispiel dafür der Beitrag in der FAZ(online):

Empörung nach Rede AfD-Politiker Höcke nennt Holocaust-Mahnmal eine „Schande“

Zahlreiche Politiker haben mit Entsetzen auf Björn Höckes Äußerungen reagiert. Der AfD-Politiker hatte das Holocaust-Mahnmal in einer Rede „Denkmal der Schande“ genannt. Für die AfD-Vorsitzende Petry ist er eine Belastung für die Partei.

18.01.2017

Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke hat mit massiver Kritik am Holocaust-Gedenken der Deutschen Empörung ausgelöst. Offensichtlich mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin sagte Höcke auf einer Veranstaltung der Jungen Alternative am Dienstagabend in Dresden: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Tut mir leid, liebe FAZ! Du zitierst Höcke richtig, machst aber daraus in der Überschrift etwas anderes, nämlich etwas Falsches. Höcke hat nämlich nicht gesagt, das Mahnmal sei eine Schande (Überschrift), sondern –Genitiv beachten!-  ein „Mahnmal der Schande“. Er kritisiert also, dass wir uns mitten in Berlin ein Denkmal leisten, das an unsere Schande, nämlich den Holocaust, erinnert. Offensichtlich ist gemeint, dass nur wir Deutschen es uns leisten, die dunklen Flecken der Geschichte vorzuzeigen. So etwa unter dem Motto: die Russen kämen nie auf die Idee, mitten in Moskau ein Denkmal der Schande (etwa zum Gulag-System) aufzustellen und die Amerikaner würden kein Denkmal in Washington zu den von ihnen begangenen Kriegsverbrechen oder der Ausrottung der Indianer aufstellen.

Jetzt kann man darüber sinnieren, ob der Begriff „Schande“ im Zusammenhang mit dem Holocaust überhaupt angemessen ist (etwa zu ersetzen durch „unabtragbare Schuld“ oder „größtes Verbrechen der Menschheit, für das die  Deutschen verantwortlich sind“).

Aber so blöd, das Mahnmal selbst als Schande zu bezeichnen, wie es die Überschrift der FAZ vortäuscht und wie es, wohl nach Agenturmeldungen, die halbe Öffentlichkeit nachplappert, ist Höcke nun auch wieder nicht. Was er erreichen wollte, hat er erreicht. Das Aufrufen eines größtmöglichen Empörungspotenzials einerseits und dadurch auch andererseits seine Profilierung gegenüber den AfD-Spitzen Petry und Meuthen. Die bringt er nun in Zugzwang, sich von ihm zu distanzieren, was ihn aber wiederum als den einzigen profiliert, der wirklich gegen das „Regime“ in Berlin ankämpft.

Wer sich die Höcke-Rede (etwa auf youtube) anschaut, wird einen schlechten Redner erleben(er verhaspelt und verspricht sich mehrfach, artikuliert undeutlich, etwa bei den Worten Nagasaki und Hiroshima). Höcke: ein  Redner mit einer kruden Mischung aus Verschwörungstheorien, Geschichtsverdrehung, Versatzstücken einer aus diversen Phrasen mosaikhaft zusammengestoppelten Weltanschauung, einer platten Deutschtümelei, einer billigen Anbiederung an das Dresdener Publikum (Dresden als Hauptstadt Deutschlands!), in einer hölzernen Körpersprache vortragend.

Ein Redner, dessen dumpfes Geplapper und aufgedrehtes Getöse aber einen Resonanzraum im Publikum findet . Und das ist nun wirklich erschreckend!

Kompletter FAZ-Artikel:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-geht-nach-umstrittener-rede-auf-distanz-zu-hoecke-14686499.html

Beitrag der „Tagesschau“

https://www.youtube.com/watch?v=U8lFEy5QTko

 

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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2 Kommentare

  1. Je länger ich der Höcke Rede folgte, um so beruhigter wurde ich. Der Mann hat nicht das Potential Massen zu verführen.

    Trotzdem verschiebt er Grenzen des noch vor kurzem nicht sagbaren.
    Statt sich mit diesen Vorboten eines neuen Faschismus zu beschäftigen, wäre tatsächlich sinnvoller über die gesellschaftlichen Entwürfe der konservativen bis linken zu reden…. wenn da etwas wäre.
    Auch andere Länder haben Denkmäler ihrer Schande – siehe z.B. Kambodscha
    https://de.wikipedia.org/wiki/Killing_Fields

  2. denkmäler der schande: richtig, haben andere länder auch. er betont aber: im herzen der hauptstadt(wegen des stabreims -h-h?), das ist für ihn offensichtlich schlimm, dass das denkmal nicht weit außerhalb, sondern mitten im zentrum steht.

    grenzen verschieben: stimme ich dir zu, wobei er natürlich nicht der erste „geschichtsrevisionist“ ist, da knüpft er (gerne) an altbekannte propaganda von jung- und altnazis an, tut das aber im gewande einer sich „bürgerlich“ gebenden partei

    massen verführen: da traue ich den massen nicht. ich finde schon, dass das filmchen eine gruselige bierkeller-atmosphäre hat, die wir aus anderen zusammenhängen kennen. frühe adolf-dokumente zeigen ja auch ein lächerliches männchen, das völlig unsicher auftritt.
    ich sehe eher die gesellschaftliche situation:was passiert bei einer instabilen wirtschaftlichen und sozialen lage, etwa bei einer finanzkrise, wenn die automaten kein geld mehr ausspucken?wenn konflikte (migration, terrorismus, schieflagen) sich verschärfen?
    sind wir „bürger“ für solche zeiten gewappnet?

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