Der Jünger von George Orwells „BIG BROTHER“

Vielleicht liege ich mit der Überschrift schon daneben? Denn ich weiß nicht, ob Sultan Erdogan überhaupt schon einmal etwas von George Orwell gehört oder sogar gelesen hat. Vor allen Dingen weiß ich nicht, ob er Orwells Bestseller „1984“ kennt, den Roman, an dem der Autor in den Jahren 1947und 1948 (deshalb 1984!) gearbeitet hat und der 1949 veröffentlicht wurde. Wir verbinden mit dem Roman die Themen Überwachungsstaat, Gleichschaltung, Unterdrückung des Individuums und jeglicher individueller Freiheiten, Zensur und Diktatur.

„ Big brother is watching you“ ist eine Phrase aus dem Roman, die nahezu zum sprachlichen Allgemeingut geworden ist. Ein wichtiger Bestandteil des Unterdrückungs- und Überwachungsapparates ist in Orwells Roman der Eingriff in die Sprache bzw. die Entwicklung einer neuen Sprache (Neusprech). Diese Sprache ist gekennzeichnet durch eine Umkehrung von Inhalten(der Bedeutungsträger, das Wort, wird mit einer neuen Bedeutung aufgeladen, die zum Teil im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes steht), durch (Schein-) Paradoxien, durch Phrasen, formelhafte Wendungen , Leitsätze und deren permanente Wiederholung.

Zu diesen Leitsätzen gehört die Trias „Krieg ist Frieden – Freiheit ist Sklaverei-Unwissenheit ist Stärke“.

Krieg ist Frieden

Erdogan befindet sich seit den Tages des (von ihm selbst inszenierten?) Putschversuchs im Krieg mit dem Volk bzw. den Teilen des Volkes, die nicht seiner Meinung sind – unabhängig davon, ob sie als demokratisch gewählte Abgeordnete im Parlament sitzen oder als Journalisten Kritik an ihm üben oder als Richter und Lehrer nicht  seine politische Linie vertreten. Zudem befindet er sich  auch militärisch im Krieg – nämlich mit dem kurdischen Teil des Volkes! Er aber verkauft diesen politischen, geistigen und militärischen Krieg als Weg zum Frieden oder gar als Frieden selbst.

Freiheit ist Sklaverei

Erdogans neue Verfassung ist ein Schritt weg von der Freiheit und hin zu einer Vorstufe der Diktatur- die bürgerlichen Freiheiten (Presse- und Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit der Justiz)werden dagegen von ihm als Teufelswerk (weil mit dem Terrorismus im Bunde) verkauft, ein Teufelswerk, das das Volk versklaven sollen. Vor diesem Hintergrund ist es schlüssig, dass er die Bundesrepublik in Umkehrung der wirklichen Verhältnisse als Nazi-Land kennzeichnet.

Unwissenheit ist Stärke

Erdogan setzt auf die Uninformiertheit des Wahlvolkes. Deshalb verbietet er oppositionelle Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender, übt Zensur aus, wo immer es geht. Je weniger die Menschen in der Türkei über die tatsächliche Lage wissen(z.B. die Krise der Ökonomie, die Kritik an seiner Politik) desto stärker erscheint er selbst. Ein Rausch von Gefühlen (der Appell  an nationale Größe und Stärke), die Abwertung anderer Meinungen, Völker und Staaten, die großmannssüchtigen Phrasen, die Drohungen- all das ersetzt klare Informationen und eine offene Diskussion unterschiedlicher Standpunkte und lässt ihn stärker erscheinen, als er in wirklich ist.

Dass er all das in letzter Zeit bei öffentlichen Auftritten nahezu immer mit dem R4bia (Rabia-)Zeichen verbindet (vier Finger und der in die Innenfläche der Hand gelegte Daumen, als Zeichen der Muslim-Bruderschaft  in Ägypten verboten)und sich dadurch als auf dem Fundament des Islam stehender Politiker geriert, sich also symbolisch so etwas wie einen Mantel des Glaubens umhängt, verschafft ihm die Weihen eines religiös gesalbten Führers, der nicht nur als Politiker, sondern auch als Prediger zu den Menschen spricht.

Vielleicht hat er Orwells Roman gelesen, vielleicht aber auch nicht! Aber Orwell hat so einen Typen wie ihn und sein System schon vor Jahrzehnten treffend beschrieben!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

2 Gedanken zu „Der Jünger von George Orwells „BIG BROTHER“

  • Heinz Niski
    12. März 2017 um 19:47
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    Diese jahrzehntelangen, teilweise quälenden Diskussionen „Assimilation versus Integration“ oder ist man „Leitkulturfaschist“ wenn man das Erlernen der deutschen Sprache von allen – also auch den Frauen einfordert, wiederholen sich hoffentlich nicht.
    Beruhigend bzw. sehr beunruhigend und möglicherweise Richtungsweisend die Flüchtlinge betreffend, ist das Fazit von Ali Ertan Toprak:
    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article162767906/Dieses-Appeasement-macht-mich-fassungslos.html

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    • Bernd Matzkowski
      13. März 2017 um 9:29
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      ein toller artikel, der viele meiner erfahrungen mit türkischstämmigen mitbürgerinnen und mitbürgern im guten wie im schlechten spiegelt;ich habe ja im laufe meines berufslebens viele türkischstämmige eltern und kinder kennen gelernt, die deutschland als große chance gesehen haben. einige von den schüler(innen) haben leistungen gezeigt, die über das normalmaß auch ihrer deutschen mitschüler weit hinaus gingen. die beste facharbeit bei mir hat ein türkisches mädel geschrieben. aber ich habe, vor allem in den letzten dienstjahren, auch diese opferrollen-mentalität erlebt(übrigens zumeist bei jungen). mangelnde eigene anstrengung(oder fähigkeit) wurde dann mit dem rassismus-ticket oder ähnlichem blabla erklärt. man war „opfer der verhältnisse“.

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