DOKUMENTATION: AVENIDAS

Im April 2016 verfasste der AStA der Alice Salomon Hochschule (Berlin) den unten dokumentierten Brief an die Hochschulleitung. Im Brief geht es um das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer.

Gomringer, Träger des Alice Salomon Poetik Preises 2011, gab die Zustimmung dazu, dass sein Gedicht „Avenidas“ an der Außenfassade der Hochschule in großen Lettern angebracht wird. Das Gedicht wird in dem unten abgedruckten Schreiben kritisiert, weil es daran erinnern soll, so das Schreiben, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Foto: OTFW – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.

Das Schreiben regt deshalb eine Entfernung des Gedichtes an: Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Die Leitung der Hochschule hat nun beschlossen, das Gedicht zu entfernen.

Eugen Gomringer , geb. am 20.1.1925 ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller und gilt als Begründer der Konkreten Poesie.

 

 

Dokumentation:

Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers

Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2016 12:00

Geschrieben von AStA

an das Rektorat der
Alice Salomon Hochschule
Alice-Salomon-Platz 5
12627 Berlin

Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers

Sehr geehrtes Rektorat der Alice Salomon Hochschule,

wir als Studierende haben die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um uns etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen: „avenidas“ von Eugen Gomringer, Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011. Zur einfacheren Handhabung im Folgenden waren wir so frei, das Gedicht mal auf Deutsch zu übersetzen:

 

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

Wir halten es grundsätzlich für begrüßenswert, dass die ASH jährlich Künstler*innen würdigt, die „durch ihre besondere Formensprache und Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen, visuellen sowie musischen Künste beitragen und dabei immer interdisziplinär arbeiten und wirken“ (Zitat nach: http://www.ash-berlin.eu/profil/auszeichnungenpreise/alice-salomon-poetik-preis/). Es ist ebenfalls nicht unser Anliegen, das Gesamtwerk Eugen Gomringers in Frage zu stellen.

Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Prof. Dr. Theda Borde sagte damals über das Gedicht:„Wir freuen uns sehr über diese bleibende Erinnerung an unseren Poetikpreisträger Eugen Gomringer und sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgeht“, so Prof. Dr. Theda Borde, Rektorin der ASH Berlin.(zitiert nach: https://www.ash-berlin.eu/infothek/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/eines-der-groessten-gedichte-an-oeffentlicher-wand/a000217ed1d45d88966dfb702654e1af/). An der Strahlkraft des Kunstwerkes zweifeln wir keinesfalls, scheint es doch thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit. Sollten die gelobten „neuen Zusammenhänge“ (zitiert nach: ebd.) Gomringers nicht nur auf seine Wortkonstellationen, sondern auch auf eine gesellschaftliche Ebene bezogen sein, so sind diese uns nicht ersichtlich.

Für uns fühlen sich diese Zusammenhänge eher alt und zugleich doch erschreckend aktuell an.

Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Aus diesen Gründen fordern wir folgendes:

  1. eine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde
  2. die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung im Akademischen Senat zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Wir würden es begrüßen, wenn zu dieser Sitzung alle Unterzeichnerinnen des Briefes eingeladen werden.

Unsere Forderungen stellen wir nicht nur als Frauen*, sondern vor allem auch als Studierende einer „Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch[, die] dem gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Gerechtigkeit und kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet“ (zit. nach: http://www.ash-berlin.eu/profil/leitbild/) ist.

Bei weiteren Fragen oder konkreten Vorschlägen für alternative Gedichte, stehen wir gerne zur Verfügung (erreichbar unter antidis[at]ash-berlin.eu).

Ende der Dokumentation

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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5 Kommentare

  1. ich möchte den klugen ausführungen der gomringer-tochter noch einige ergänzungen hinzufügen. fangen wir mal damit an, was „konkrete poesie“ überhaupt ist.der einfachheit halber beginne ich mit wikipedia:
    „Die Konkrete Poesie verwendet die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen der Sprache als literarisches Mittel. Diese Form der Literatur möchte sich nur noch auf ihre eigenen Mittel beziehen: Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen werden aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst und treten dem Betrachter „konkret“, d. h. für sich selbst stehend, gegenüber. Diese sprachliche Demonstration soll ein Gegenpol zur sprachlichen Reizüberflutung sein. Sprache hat im „konkreten Gedicht“ keine Verweisfunktion mehr. Die Methode der Konkreten Poesie ist eine antipoetische Meditation über die Bedingung der Möglichkeit der poetischen Gestaltungsweise. Es gibt kein „Gedicht über“, sondern nur noch eine Realität des sprachlichen Produkts an sich. “

    ausgehend vom ersten satz der definition ist schon die übertragung in die deutsche sprache problematisch,weil der klang (phonetik, akustik, siehe oben) sich völlig verändert und dadurch ein anderes gedicht entsteht.nehmen wir mal die nomen im original:avenidas, flores, mujeres–admirador-den eher scharfen pluralendungen (das, res,res) steht der warm-weiche ausklang dor des singular- nomens gegenüber. anders:der klang(im original)weist eine dynamik auf :das letzte nomen wird durch einen warmen klang bestimmt (dominanz der vokale a und o, weiches r am ende statt eines scharfen s).es gibt also eine phonetische bewegung im text auf einen warmen ausklang zu ( das spanische admirador klingt im übrigen weitaus eleganter als das deutsche bewunderer).
    im vordergrund also der klang,nicht eine aussage über etwas.
    zur perspektive ein vergleich:nehmen wir mal hoppers wohl bekanntestes gemälde, die „nighthawks“:wir sehen von außen durch eine riesige scheibe in eine gaststätte und fangen eine momentaufnahme ein, in der die menschen wie eingefroren zu betrachten sind.was sie denken und fühlen,in welcher momentanen verfassung sie sich befinden,ist in unser bewusstsein gegeben, auch wenn hopper einige spuren legt.
    auch im gomringer-gedicht sind wir betrachter von außen.der bewunderer ist teil eines – sprachlichen, hier klanglich-lautlichen – ensembles, das wir betrachten und das -in einer bestimmten anordnung-aus den elementen straßen, blumen,frauen und bewunderer besteht sowie dem reihenden/koppelden und-es gibt keine trennung durch satzzeichen!
    die anordnung (siehe die letzten beiden zeilen) fügt straßen, bumen und frauen in einer reihung/einer zeile zusammen,so dass diese elemente eine einheit bilden,nachdem sie bis dahin getrennt bzw. anders kombiniert auftauchten.
    dieses dreiteilige ensemble hat einen bewunderer,nicht nur eines dieser elemente.der bewunderer macht aus der drei-einheit eine vier-einheit.
    wir wiederum betrachten, —nein! hören vier elemente.eine fixierung auf das mann-frau-thema wird dem gedicht nicht gerecht, sagt aber viel über die weltsicht und die obsessionen der asta-antragsteller aus!

  2. Vielleicht sollten sich die Antragsteller dem Thema anders nähern – eine Möglichkeit wäre, sich die Mini Serie „Fleabag“ anzuschauen.

    http://www.bento.de/tv/fleabag-warum-die-amazon-prime-serie-mit-phoebe-waller-bridge-sehenswert-ist-1166985/

    Oder Texte der von mir äußerst geschätzten „pequenita comúnita“ zu lesen, die mir diesen Blogeintrag von ihr über die #metoo Debatte zur Verfügung stellte.

    Zitat:

    Ich verfolge diese Aktionen wie „metoo“ nicht wirklich, werde natürlich bei fb damit konfrontiert und ich lese mal dies oder das. Dann gehe ich zurück in meine Teenagerjahre, wo ich noch an Showbusiness interessiert war, Illustrierte las und selber gerne nen Showgirl oder Schauspielerin gewesen wäre. Es war damals normal, daß eine Frau alles gab um im Rampenlicht zu stehen. Dafür ging man über Leichen, auch über seinen eigenen Körper, hauptsache berühmt und das Geld fliesst. Jede Frau hätte jederzeit nein sagen können – auch damals. Groupie sein bei den Rock´n´Roll Bands war auch nen Traum von vielen Frauen ( bei Heino halte ich mich zurück, da kenne ich mich nich aus) – metoo, ich hätte dabei sein können, nun ist es zu spät 🙂 – Hochficken habbich auch nie gelernt, kann mich daher auch bei niemanden nachträglich beschweren, aber ich weiß wie Frauen gurren, wenn ein Chef flirtet

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