Im Zuge der Baubesprechungen oder…

von städtischen Praktiken und dem Schweigen der WAZ

 

Am 12.März veröffentlichte die WAZ- Lokalredaktion Gelsenkirchen einen Beitrag über das im Hans-Sachs-Haus aufgehängte Groß-Mobile, das wegen mangelhafter technischer Sicherheit (verbogene Verankerungsbolzen) nach einer Untersuchung durch den TÜV abgehängt werden musste. Der Artikel, geschrieben von den Redakteurinnen Anne Bolsmann und Ingrid Ansahl, weist richtig darauf hin, dass dieses Mobile bereits mehrfach wegen technischer Mängel abgenommen werden musste, erstmalig übrigens bereits unmittelbar nach der Eröffnung des neuen Hans-Sachs-Hauses, wo es im Foyer aufgehängt wurde.

Der Beitrag der beiden Redakteurinnen entbehrte jeglichen fragenden bzw. kritischen Tons, was mich veranlasste, den folgenden Leserbrief an die WAZ zu senden:

Der Beitrag beschreibt ausführlich und richtig die „Pannenserie“, die das Mobile seit seiner Erstaufhängung begleitet, bleibt aber leider bei dieser Beschreibung stehen. Es wäre doch interessant zu erfahren, wer für die Reparaturkosten zuständig ist und wer  die technischen bzw. konstruktiven Mängel zu verantworten hat. Der Artikel nennt  die Zusammensetzung der Jury, die die Auswahl der Gesichter getroffen hat. Aber wer überhaupt entschieden hat, dass dieses Werk aufgehängt wird bzw. den Auftrag dazu vergeben hat, bleibt ebenfalls offen. Auffällig  ist in diesem Zusammenhang, dass Werke der „Designerin“ Katharina Marg bzw. ihres „formkombinats“ häufig in bzw. an Gebäuden zu finden sind, für die das Architekturbüro, bei dem ihr Vater einer der Namensgeber ist, (gmp: Gerkan, Marg, Partner) verantwortlich zeichnet. So etwa beim  Olympiastadion Kiew, bei der Commerzbank Arena in Frankfurt und der Baku Crystal Hall. Und eben auch im Hans-Sachs-Haus. Aber: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Bernd Matzkowski (vormals Vorsitzender HSH-Ausschuss 1)

Am 13.März erschien mein Leserbrief in der WAZ – allerdings gekürzt um die  letzten Zeilen, in denen darauf hingewiesen wird, dass der Vater der „Designerin“ des Mobiles (Katharina Marg)  einer der Architekten des Büros ist (gmp/Gerkan Marg Architekten) ), das den Neubau des Hans-Sachs-Hauses durchgeführt hat, und dass ebenso auffällig ist, dass die Tochter des Architekten häufiger bei Projekten des väterlichen Büros zum Zuge gekommen ist.

Statt der letzten Passage meines Leserbriefs wurde eine Anmerkung der Redaktion veröffentlicht, die Äußerungen des Pressesprechers der Stadt Gelsenkirchen (Martin Schulmann) zitierte, um in meinem Leserbrief gestellte Fragen zu beantworten. Nach Herrn Schulmann ist die Beauftragung für das Mobile „im Zuge der Baubesprechungen“ gefällt worden. Weiterhin  hat Herr Schulmann darüber Auskunft gegeben, dass die Stadt alle Kosten der fälligen Arbeiten alleine tragen müsse, da es eine „eventuelle Garantie oder sonstige Gewährleistung (nicht) gebe“.

Was sagt uns die von Herrn Schulmann gewählte Formulierung („im Zuge der Baubesprechungen“)? Sie sagt uns, dass die Entscheidung, dieses Mobile aufzuhängen, jenseits eines geordneten Verfahrens gefällt worden ist, meint: jenseits einer Beteiligung eines zuständigen städtischen Gremiums,  nachdem der H-S-H- Ausschuss, dessen Vorsitzender ich zuletzt war, aufgelöst worden ist.

Wie habe ich mir das vorzustellen, eine Entscheidung „im Zuge der Baubesprechungen“?

Etwa so?

(Achtung. Es handelt sich um ein fiktives Gespräch; Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen und mit Namen  tatsächlich existierender Personen oder Institutionen sind zufällig, aber unvermeidlich!)

P(artner) 1: Sollen wir nicht noch ein wenig Kunst ins HSH bringen?

P(artner) 2: Ein wenig Kunst wäre schön! Was könnte das aber sein?

P 1: Wir haben da vielleicht eine Idee!

P2:  Und welche?

P1: Es geht um Bewegung und Partizipation der Bürger. Das „neue“ Rathaus soll ja ein Haus für alle Bürger sein, die sollen ja dieses Haus als ihr Haus sehen und ihre Stadt als eine Stadt in Bewegung.

P2: Tolle Idee, ganz toll. Partizipation und Bewegung. Und was heißt das konkret?

P1: Frau Mensch  vom „Kombinat für Form“ hat uns da sowas vorgeschlagen: ein großes Mobile mit Gesichtern von Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger, aufgehängt im Foyer.

P2: So ein Zufall!

P1: Welchen Zufall meinen Sie?

P2: Dass die Künstlerin denselben Nachnamen hat wie Herr Mensch vom Architekturbüro gesellschaft-mensch-partner.

P1:Ja, tatsächlich, welch ein Zufall! Ist uns noch nicht aufgefallen!

———————————————————————————————–

Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Wer auch immer diese Entscheidung „im Zuge der Baubesprechungen“ gefällt hat, hat sie zum Nachteil der Stadt gefällt, denn sonst könnte es nicht sein, dass niemand eine Gewährleistung oder Garantie übernommen hat – für ein Kunstwerk, dessen Konstruktion und technische Ausführung vom TÜV als so mangelhaft eingeschätzt werden, dass aus Sicherheitsgründen (Gefährdung der Besucher des HSH) die abermalige Abhängung angeordnet worden ist.

Ich habe mich vor diesem Hintergrund veranlasst gesehen, den beiden Redakteurinnen heute ausführlich zu schreiben. Dies ist der Text:

WAZ LOKALREDAKTION

 Sehr geehrte Frau Bolsmann , sehr geehrte Frau Ansahl!

 Selbstverständlich ist es das gute Recht einer Redaktion, Leserbriefe nicht zu veröffentlichen oder, wie in meinem Falle, zu kürzen. Besonders angesichts der von Ihnen heute gemeldeten Antworten der Stadt Gelsenkirchen (Herr Schulmann) wundert mich die Kürzung der Schlusspassage allerdings außerordentlich. Es wundert mich auch, dass die Äußerungen von Herrn Schulmann ohne Nachfrage und ohne Kommentar Ihrerseits wiedergegeben werden, obwohl sich doch relevante Fragestellungen ergeben:

Wenn es heißt, die Auftragsvergabe sei „im Zuge der Baubesprechungen“ erteilt worden, bleibt zunächst die Frage: Wer waren die Beteiligten an diesen Besprechungen? Warum ist kein offizielles Gremium  damit befasst worden, sondern hier eine Auftragsvergabe ohne öffentliche Kontrollmöglichkeit erfolgt? Haushaltstechnisch könnte man auch fragen:  Wie und wo  sind die Ausgaben(in welcher Höhe?) im Haushalt bzw. im Kostenrahmen HSH aufgeführt?

 Diese Fragen sind ja nicht nur relevant, weil durch die aufgetretenen Mängel erhebliche „Abhängezeiten“ und auch ein Imageschaden entstanden sind, sondern auch, weil Kosten aufgelaufen sind (und noch auflaufen), die, wie Herr Schulmann ausgeführt hat, allein zu Lasten der Stadt gehen (in welcher Höhe bis jetzt und für den aktuellen Schaden?). Wer hat also einen Vertrag abgeschlossen, der offensichtlich jegliche Haftung bzw. Gewährleistung  seitens der Künstlerin oder der für die technische Ausführung und Konstruktion verantwortlichen Betriebe  ausschließt?

 Warum gehen Sie nicht aufklärerisch diesen Fragen nach, sondern begnügen sich (zumindest bisher) mit den lapidaren Antworten von Herrn Schulmann? Gibt Ihnen die Chefetage der Lokalredaktion nicht genügend Zeit? Oder trauen Sie sich nicht, sich mit der Stadt oder einem Branchenriesen (gmp) anzulegen? Oder ist das jetzt schon eine „Verschwörungstheorie“ meinerseits?

 Noch etwas: der in Klammern nach meinem Namen eingefügte Verweis auf meine Tätigkeit als HSH-1-Vorsitzender erfolgte nicht aus Eitelkeit, sondern bereits als Hinweis darauf, dass in diesem Gremium in der Phase meines Vorsitzes eine entsprechende Entscheidung nicht gefällt worden ist – dies übrigens auch nicht im Rahmen der Findungskommission (Architektenwettbewerb), deren Mitglied ich ebenfalls gewesen bin. Insofern lag die Vermutung bereits nahe, dass, ich sage mal, die Entscheidung auf anderem Wege gefallen ist. Und dadurch wird die Schlusspassage meines Leserbriefs erst wirklich bedeutsam!

 Aus dem von mir hier Dargestellten ergeben sich zwei miteinander verbundene Fragenkomplexe:

Wer in der Stadtverwaltung ist dafür verantwortlich, dass ein Mobile im Hans-Sachs-Haus aufgehängt worden ist, dessen technische und konstruktive Mängel so groß sind, dass es immer wieder abgenommen werden muss? Und wer ist in diesem Zusammenhang dafür verantwortlich, dass allein die Stadt für die Kosten aufkommen muss, weil keine Gewährleistung bzw. Garantie vereinbart worden ist? Und wer hat schließlich die grundsätzliche Entscheidung für dieses Mobile im „Zuge von Baubesprechungen“ gefällt?

Warum nennt eine Lokalredaktion zwar eine Reihe von Mängeln und Unzulänglichkeiten im Zusammenhang mit diesem Kunstwerk, geht aber den Fragen nach der Verantwortung, den Entscheidungsträgern und dem Beschlussverfahren nicht nach? Warum tut eine Redaktion das selbst dann nicht, wenn sie Fragestellungen zu diesem Komplex auf dem Silbertablett serviert bekommt? Und warum lässt sich eine Lokalredaktion mit Antworten des städtischen Pressesprechers abspeisen, die doch danach schreien, weitere Nachfrage zu stellen?

Ich bin weit davon entfernt, Verschwörungstheorien verbreiten zu wollen. Und ich halte die pauschale Verdammung von Presseorganen wie der WAZ als „Lügenpresse“ für völlig überzogen. Aber wer für sich selbst in Anspruch nimmt, Qualitätsjournalismus zu repräsentieren, der muss auch liefern.

Selbst auf kommunaler Ebene!

 

 

 

 

 

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
Bernd Matzkowski

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3 Kommentare

  1. Die Frage nach den Seilschaften, die sich auf Zuruf oder informell oder über den Flurfunk irgendein (lukratives ?) Projekt gegenseitig gönnen, ist eine.

    Die Frage nach dem Selbstverständnis der vierten Gewalt im Staat, ist eine andere.

    Die Frage nach der künstlerischen Aussage, Position, Intention, beschäftigt mich bei diesem Mobile. Meine blasse Erinnerung an dieses Mobile (war ja nicht oft sichtbar) war: da hat der Souverän (l’état c’est moi) sich sehr selektiv schön färben lassen. Schlaftablettig. Gab es da Ecken, Kanten? Gab es da Hinweise auf die aktuelle Lebenswirklichkeit? Eine Position? Ein Statement? Eine unbekannte Perspektive? Irgendeine Auseinandersetzung mit den Brüchen & Ängsten, Verwerfungen?

    Kann kaum sein, wenn da verschiedene Juroren, Zensoren, nach dem Mehrheitsprinzip heraus mendeln, was Kunst ist und dem Bürger gut tut.

  2. Hier die Beschreibung des Mobiles auf der Seite von „formkombinat“ (=Katharina Marg)

    „Betritt der Besucher das Rathaus (das neue Hans-Sachs-Haus) in Gelsenkirchen, eröffnet sich gleich hinter dem Eingangsbereich das große, lichtdurchflutete Atrium. Der gewaltige Luftraum wird von drei Seiten von den Büros der Stadtverwaltung flankiert, und auf der vierten durch Galerien, dem Ratssaal und Sitzungsräumen.
    Im Rahmen eines in Eigeninitiative entwickelten umfassenden Gestaltungskonzepts schlug Formkombinat für das Atrium ein riesiges Mobile mit kinetischem Solarantrieb vor.
    Enstanden ist ein komplett in sich bewegliches Mobile, 14 Meter breit und 20 Meter hoch. Bestückt ist es mit 24 Bannern von 1 x 1 Meter sowie vier Bannern von 2 x 4 Metern Größe, welche schwarz-weiße Portraitaufnahmen Gelsenkirchener Bürger zeigen (Fotograf: Pedro Malinowski). Die Portraits sind auf transluzentem Fahnenstoff gedruckt, was dem Mobile eine zusätzliche Leichtigkeit verleiht. Ein kleiner Propeller im oberen Querträger, angetrieben durch zehn Solarpanels, versetzt das Mobile in eine kontinuierliche sanfte Bewegung.
    Die Idee des Mobiles fand großen Zuspruch bei den Bürgern. 130 Gelsenkirchener Kinder, Frauen und Männer hatten sich nach einem öffentlichen Aufruf beworben, der Stadt ihr Gesicht zu geben. Das Mobile „Gesichter Gelsenkirchens” ist mehr als eine raumgestaltende Installation. Es steht symbolisch für den Anspruch des neuen Hans-Sachs-Hauses, ein Haus/ein Forum für die Bürger zu sein und zeigt deren Verbundenheit zu ihrer Stadt.“

    Ich finde – im Kontext des fiktiven Gesprächs in meinem Beitrag oben und vor dem Hintergrund des Kommentars von Heinz. N. zur ästhetischen/künstlerischen Dimension – folgende Aussage in der Darstellung besonders interessant:
    “ Im Rahmen eines in Eigeninitiative entwickelten umfassenden Gestaltungskonzepts schlug Formkombinat für das Atrium ein riesiges Mobile mit kinetischem Solarantrieb vor.“

    Dann hier der Leserbrief von Ralf Schmidt aus der waz (Lokalteil S. 2) von heute:
    „Wenn ich die Aussage des Stadtsprechers richtig verstehe, gibt es also für nicht ordnungsgemäß durchgeführte Arbeiten, was das Anbringen eines Riesenmobiles zweifelsfrei ist , also keine Garantieansprüche. Was werden denn in dieser Stadt für Verträge geschlossen, die keine Gewährleistung oder Garantie beinhalten? Werden so etwa auch große Bauvorhaben vergeben? Wenn ja, wird mir in dieser Stadt einiges klarer.“

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