Notizen aus der Schattenwelt

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne  daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ (F. Kafka, Der Prozeß, 1.Kapitel, 1. Satz)

Wenn wir von Parallelgesellschaften sprechen, dann meinen wir zumeist Stadtteile wie Duisburg-Marxloh oder Straßenzüge, die dominiert sind von Menschen aus anderen Kulturkreisen, die dort in ihrer Sprache, nach ihren Sitten und Gebräuchen, religiösen Regeln und Gesetzen leben, ihre eigene Infrastruktur – Geschäfte, Restaurants, Teestuben – aufgebaut haben und mit der deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ und deren Regeln und Gesetzen nichts oder nur eingeschränkt etwas zu tun haben (wollen) oder diese Regeln und Gesetze sogar ablehnen.

Ich habe vor einiger Zeit aber noch eine ganz andere Parallelgesellschaft kennengelernt, eine Parallelgesellschaft des deutschen Vereins- und Verbandslebens, genauer gesagt: die Parallelgesellschaft der Kreisjugendsportgerichtsbarkeit des Westfälischen Fußball- und Leichtathletikverbandes (WLFV).

Ich war zu einer Gerichtsverhandlung als Zeuge (!)  geladen – es ging um die Auseinandersetzung zwischen zwei Fußballvereinen, um die  Nicht-Anerkennung eines Spielergebnisses, um einen Spielabbruch sowie um den Vorwurf der Beleidigung und Bedrohung des einen Trainers durch den des anderen Vereins.

Hört sich schräg an – ist es letztlich auch, denn alles ist geschehen im Rahmen eines Fußballspiels von zwei Mannschaften der E-Jugend, also der Altersklasse der 10-11-Jährigen, in der ehrwürdigen „Kampfbahn Glückauf“.

Die „Gerichtsverhandlung“ fand in einem Raum der Sportanlage Schürenkamp statt – in einem Raum mit dem Charme und dem Geruch einer von Schimmel befallenen Garage, einer Garage, in der diffuse Lichtverhältnisse herrschen, einer Garage, die auf seltsame Art und Weise Erinnerungen an Jugendherbergszimmer in mir weckte.

Das Sportgericht bestand, satzungsgemäß, aus drei Personen – einem Vorsitzenden, nennen wir ihn einmal Herrn A, sowie einer Beisitzerin (Frau B) und einem Beisitzer (Herr C).

Mein erster Eindruck: Schattengestalten aus dem Reich des Hades, ergraut durch tausende von Gremiensitzungen in ihren Sportvereinen, im Gerichtssaal und bei Tätigkeit für den Verband, wobei sie sich über die Jahre in den ausgeübten Ehrenämtern sicherlich Verdienste um den Sport und das Vereinsleben erworben haben – das soll nicht bezweifelt werden! Zugleich, so meine Erfahrung während der Verhandlung, hat diese langjährige verdienstvolle Tätigkeit aber auch die Persönlichkeitsstrukturen verfestigt – nämlich zu einem Amalgam aus mangelnder Aufmerksamkeit und fehlender geistiger Frische, getragen von Selbstüberschätzung und auch Selbstherrlichkeit.

Mein zweiter Eindruck, auch wenn eine Frau dabei war: Das könnten Epigonen  der „grauen Herren“ aus Michael Endes 1973 erschienenem Erfolgsroman „Momo“ sein. Es fehlten zwar die Zigarren aus „getrockneter Zeit“, die im Roman das Markenzeichen der „grauen Herrn“ sind, aber die graue Haut – das kam hin, nicht im farblichen Sinn, aber als Bild für die letztlich desinteressierte, schlurfige, abgestandene Routine, mit der die Gerichtsverhandlung ins Werk gesetzt wurde. Ergänzt, vor allem von Herrn C, durch einen Tonfall bei meiner Befragung als Zeuge, der vor meinem geistigen Auge die Werkzeuge der Heiligen Inquisition heraufbeschwor, so dass ich schon das Knistern des Scheiterhaufens hörte und ich den Herrn auffordern musste, einen angemesseneren Tonfall mir gegenüber anzuschlagen.

Die angesprochene Routine hatte allerdings den Nebeneffekt, dass die zwei grauen Herren und die graue Dame im Laufe der Verhandlung bzw. des Verfahrens  mehrfach gegen die Regeln und Vorschriften der Verfahrensordnung verstießen: Beweisstücke wurden nicht zugesandt bzw. nicht vorgelegt, den Parteien wurde nicht das vorgesehene Rederecht am Ende der Beweisaufnahme eingeräumt und das Urteil wurde , nach einer Besprechungspause, die von der Länge her für eine Tasse Kaffee des Gremiums reichte, verkündet – aber ohne die in der Verfahrensordnung vorgesehene Begründung.

Das Urteil selbst: eine Farce. Beide beteiligten Trainer wurden verwarnt, die Beschimpfungen und Bedrohungen des einen Trainers gegenüber dem anderen („Ich reiß dir den Kopf ab!“) wurden als „Missverständnisse“ gewertet.

Mit der zu erwartenden rechtsstaatlichen prozessualen Aufbereitung und Bewertung eines Vorgangs, der Ausdruck einer gerade in unteren Spielklassen festzustellenden Verrohung ist,  hatte das nichts zu tun. Man hatte sich die eigene Wahrheit gebacken (Missverständnisse) – und gut war es!

Aber nicht ohne ein Nachspiel: kurze Zeit nach der Verhandlung flatterte eine Anklageschrift gegen mich ins Haus; ich soll nach der Verhandlung auf dem Parkplatz einen Schiedsrichter beleidigt haben. Nun konnte ich zwar schriftlich gegenüber dem Großinquisitor, also dem Vorsitzenden des Gerichts, erklären, dass dem nicht so war und auch zwei Zeugen für meine Position benennen. Das spielt aber keine Rolle. Das Gericht beabsichtigt, so eine schriftliche Mitteilung der letzten Tage,  vielmehr, dem Verein, bei dem meine Söhne spielen und bei dem ich ehrenamtlich als Trainer tätig bin, ohne selbst Vereinsmitglied zu sein, eine Strafe von 100 Euro aufzubrummen für mein angebliches  unsportliches Verhalten.

Noch nie war mir Kafka so nah!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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2 Kommentare

  1. Hört sich nach interkultureller Kompetenz-Inkontinenz an. Oder waren es Bio-Kartoffel-Trainer, die sich gegenseitig den Kopf abreißen wollten?
    Wie auch immer, Sport ist der Wettbewerb der Edlen, Kampf eben. Und da werden die Massstäbe wohl ins richtige Lot gerückt zur Zeit.
    Nix für Weicheier, weder auf dem Platz, noch in der Thing-Volksgericht-Garage.

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