Tierorakel und Tajani

Wir erinnern uns noch:

Der  zuletzt in Oberhausen beheimatete und inzwischen längst in den Krakenolymp eingezogene Krake Paul war die Orakelsensation während der Fußball- WM in Südafrika: Paul hatte nicht nur bei allen Spielen der deutschen Nationalmannschaft den Sieger richtig vorausgesagt, sondern auch beim Finale zwischen Spanien und den Niederlanden.

Bei dieser WM gibt es eine ganze Reihe von (mehr oder weniger treffsicheren) Nachfolgern von Kraken-Paul: in Gelsenkirchen (Zoom) das Eisbären-Junge Nanook, im Bochumer Tierpark das Kugelgürteltier Hektor, in Gladbeck das Alpaka Norman, im Duisburger Zoo sind Orakel-Tiger unterwegs, und im Wuppertaler Zoo ist Elefantenkuh Sweni orakelmäßig schwer drauf.

Aber eines ist jetzt schon sicher: Die Bekanntheit und Beliebtheit des Kraken Paul werden diese Epigonen nicht erreichen. Von der Treffsicherheit mal abgesehen. Da wird doch eher herumgestochert und dilettiert.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich übrigens die Tierwelt nicht von der der Menschen, besonders im Bereich der Politik(er). Auch da gibt es Herumgestochere und jede Menge Dilettantismus.

Aktuelles Beispiel: EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, der – übrigens in dieser Funktion Nachfolger des einstmals von der deutschen Sozialdemokratie zum Heiligen gekürten und inzwischen in der Versenkung verschwundenen Martin Schulz – nun auch meinte, über die Zukunft der EU (die ja nicht mit Europa identisch ist, das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen) orakeln zu müssen. In einem Interview zeigte er kleine Meisterwerke auf dem Feld der Politiker-Sprache, also in der großen Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen.

Frage im Interview an den Italiener Tajani:

„Unter welchen Umständen würde Italien überhaupt Asylbewerber aus Deutschland zurücknehmen?“

Eine konkrete und relativ überschaubare Fragestellung – überschaubarer jedenfalls als die Voraussage über das weitere Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft, die  neuerdings nur noch „Die Mannschaft“ heißt.

Antwort des Schulz-Nachfolgers:

„Italien ist in einer schwierigen Situation – ähnlich wie Griechenland, Österreich oder Deutschland. Diese Länder sind am stärksten von der Migration betroffen. Wir müssen eine europäische Lösung finden, ohne auf die nächsten Regionalwahlen zu schielen. Wir brauchen mehr Solidarität – gerade in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten. Das sind  sie den anderen Europäern auch schuldig, die viel für sie getan haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Es geht jetzt nicht um Geld, sondern um Solidarität.“

Diese Antwort, die ja eigentlich überhaupt keine ist, weil sie nicht mit einem Wort konkret auf die Fragestellung eingeht, macht deutlich, warum die Schelte, das EU-Parlament und die EU-Kommission seien eine Endlagerstätte für Politiker, für die in ihren Heimatländern kein Versorgungsposten mehr frei ist, etwas für sich hat: Orakel-Antonio dampfplaudert eine Allgemeinweisheit heraus (Italien, Griechenland, Österreich und Deutschland sind in einer schwierigen Situation, weil sie am stärksten von Migration betroffen sind), betreibt dann ein wenig Anti-CSU-Polemik (Schielen auf Regionalwahlen) , um schließlich beim schon bekannten Ost-Europa-Bashing anzukommen (diese böse Undankbarkeit von Ländern wie Ungarn und Polen, die jetzt nicht parieren, obwohl sie Geld bekommen haben).

Eine Antwort auf die Frage, was passieren müsste, damit Italien dort bereits registrierte Asylbewerber, die aber nach  Deutschland weitergezogen sind, zurücknimmt: Pustekuchen, kein Wort- nichts, nada, niente, nothing, nüx! Und das von einem Mann, der in seiner Funktion ein Jahressalär von rund 320 000 EURO einstreicht (davon rund 220 000 Euro steuerfrei).

Schlimm ist aber auch, dass sich die beiden WAZ-Journalisten mit diesen Phrasen als Antwort zufrieden geben und nicht nachhaken, sondern huldvoll die nächste Frage von ihrem Stichwortzettel aufrufen.

Ach, könnten wir nicht einen Herrn wie diesen EU-Parlamentspräsidenten durch einen der Paule-Nachfolger ersetzen? Die Antworten wären ebenso unkonkret, aber ich schätze mal, dass der Unterhalt für ein Kugelgürteltier oder eine Elefantenkuh deutlicher preiswerter ist als der für einen Politiker der Sorte Tajani.

Mal ganz abgesehen von einem Alpaka wie Norman aus Gladbeck! Da kann man immerhin noch wertvolle Wolle ernten!

(Interview-Quelle: WAZ, Samstag, 23.Juni 2018, Seite WPL 1)

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Ein Gedanke zu „Tierorakel und Tajani

  • Heinz Niski
    27. Juni 2018 um 13:35
    Permalink

    Take back control

    Aber jetzt…..
    https://www.focus.de/politik/deutschland/heftige-debatte-in-spd-fraktion-streit-ueber-fluechtlingspolitik-gabriel-ich-lasse-mir-den-mund-nicht-verbieten_id_9169077.html

    lassen sich die kritischen Geister innerhalb der SPD nicht mehr mundtot machen und melden sich zu Wort.
    Dieser Herr … Gabriel… der hat das Zeug für Höheres. Der könnte noch was werden in der Partei. Vielleicht irgendwas in Richtung Fraktions- oder Parteivorsitzender? Er scheint ein strategischer Denker zu sein, genau das, was der Partei in den letzten Dekaden fehlte.

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