In der besseren Welt

EINE ART REISEBERICHT

„Eine bessere Welt“:  So lautet der Titel eines Tatort-Krimis (2011) mit dem Ermittlerduo  Steier und Mey, wunderbar gespielt von Joachim Król und Nina Kunzendorf, in dem es ganz beiläufig um die Frage geht, ob die polizeiliche Tätigkeit auch dazu beitragen soll oder kann, eine bessere Welt zu schaffen. Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet, aber der Fall selbst und sein Ende sprechen eher dagegen.

Ohne dass damit allerdings zugleich die Frage beantwortet wäre, ob es in der Realität nicht bereits eine bessere Welt  gibt. Jedenfalls in Ansätzen und an anderen Orten als dem unsrigen. Eine endgültige Antwort habe ich nicht, sondern nur die vorsichtige Beschreibung einer Möglichkeit – gesehen mit den Augen eines Kurzzeitbesuchers!

Für eine Woche war ich in Bayern, genauer im Unterallgäu, noch genauer in der Region Bad Wörishofen, die geprägt ist von dem Wirken Sebastian Kneipps (1821 – 1897), der ab 1855 u. a. Beichtvater für die Nonnen des Dominikanerinnenklosters in Bad Wörishofen war, sie aber auch in Pflanzen- und Heilkunde unterwies. Kneipp ist  ein Vorläufer heutiger ganzheitlicher Ansätze in der Heilkunde, sein „5-Säulen-Modell“ ist durchaus modern zu nennen, beruht es doch auf dem Zusammenspiel von Wasser (Güsse, Wassertreten etc.), Pflanzen (Wirkung von Pflanzen und Kräutern), Bewegung, gesunder Ernährung und Balance, also innerer  Ausgeglichenheit.

Auf Kneipp und sein Wirken trifft man in dieser Region überall, er ist dort ein Markenzeichen und ein Element der Vermarktung.

In Bad Wörishofen war ich  mit meinen beiden Buben als Begleiter meiner Ehefrau, die dort eine Woche lang die Mitglieder einer Herzsportgruppe aus Gelsenkirchen medizinisch betreut hat. Die Gruppe bestand aus Damen und Herren gesetzteren Alters, teilweise mit Ehegatten, teilweise alleinstehend. Die Gruppenmitglieder treffen sich einmal wöchentlich in Gelsenkirchen, ebenfalls dann unter medizinischer Betreuung, zum Herzsport. Das bedeutet: alles Notwendige für Notfälle, incl. eines Defibrillators, ist vor Ort.

Wer nun vielleicht den Eindruck hat, wir wären hier auf griesgrämige Alte getroffen, deren hauptsächliche Beschäftigung im Jammern über die eigene Erkrankung oder die Ärgernisse des Alltags und des Rentnerlebens bestünde, der sieht sich getäuscht. Ganz im Gegenteil: eine kommunikative, fröhliche, aufgeschlossene Gruppe älterer  Damen und Herren, die die beiden Jungen (10/16) und mich (die „Frau Doktor“ kannten sie ja schon) herzlich aufnahmen wie alte Bekannte. Und eine Gruppe, deren Mitglieder auf ihre Erkrankungen mit Aktivität reagierten und reagieren.

Neben (kneippschen) Anwendungen gab es ein straffes Programm – nur ein Tag war für die Gruppenmitglieder völlig zur freien Verfügung, was einige nutzten, um mit dem Zug nach München zu fahren, andere zum Bummeln und Shoppen in Bad Wörishofen.  Ansonsten waren gemeinsame Aktivitäten angesagt: Besichtigungen, Stadtführungen  und Fahrradtouren, teilweise um die 30 KM lang  – immer mit dem Notfallkoffer dabei. Nur eine kleine Gruppe von mobilitätseingeschränkten Damen  verzichtete auf das Rad und kam mit Bus und Bahn zu den Orten, die wir besichtigten.

Freundlichkeit, Höflichkeit, Aufgeschlossenheit, Rücksichtnahme, Fröhlichkeit,  Offenheit: ist es nicht das, was Teil einer besseren Welt sein müsste? Aktivität statt Nörgelei, das Zugehen auf andere statt Rückzug in die Selbstisolation, das Ausbrechen aus dem Alltag statt der Unterwerfung unter dessen Mühsal – trotz einer eingeschränkten gesundheitlichen Konstitution und einer bei einigen durchaus auch eingeschränkten finanziellen Ausgangslage: ist es nicht das, was Teil einer besseren Welt sein müsste?

Auch die Menschen, mit denen wir unmittelbar zu tun hatten, strahlten etwas aus, was nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint: eine unverstellte Herzlichkeit. Unsere Gastwirtin, die täglich für die Gruppe das Frühstück vorbereitete und an jedem Abend eine abwechslungsreiche und schmackhafte warme Mahlzeit in ihrer Küche frisch zubereitete, vermittelte uns täglich den Eindruck, tatsächlich ihre Gäste zu sein, nicht nur zahlende Kunden. Eine Dame aus Bad Wörishofen, die uns als „Fremdenführerin“ (ehrenamtlich selbstverständlich) eine kleine Kapelle aufschloss , um deren Erhalt sich ihre beiden Brüder (selbstverständlich ehrenamtlich) kümmern, trafen wir später noch zweimal zufällig in  der Stadt und plauderten. Ein älterer Herr, der uns bei einer Fahrradtour führte – all diese Menschen schienen mir von einer heiterer Gelassenheit zu sein, als habe der alte Kneipp persönlich sie als Musterexemplare für die 5. Säule („Balance“) ausgebildet.

Das Städtchen und die Landschaft: wie gemalt. Oder: wie die Ortschaften und Landschaften, die man bei Modelleisenbahnen errichtet. Liebevoll gepflegt Gärten, saubere Straßen (kein Müll) und schmucke Fassaden (kein einziges Graffito habe ich entdeckt), aufgeräumte Bauerngehöfte. Keine überfüllten oder abgerissenen Mülleimer, der Allgemeinheit zur Verfügung stehende große Schachfiguren, die auch am nächsten Tag noch unbeschädigt und nicht entwendet auf den auf den Boden gemalten Schachfeldern stehen, Brunnen, in denen keine Pappbecher, Getränkedosen oder Papiertaschentücher schwimmen und die nicht von Algen versifft sind – und natürlich überall Wassertretbecken, die unzerstört sind und deren Wasser klar und frisch und kühl ist.

Man bekommt den Eindruck, den Menschen, die dort in einer sanften, manchmal leicht hügeligen, von Feldern, Weiden  und Wiesen bestimmten Landschaft leben, durch die sich gelegentlich kleine Waldabschnitte und natürlich Wasserläufe ziehen, ist ihr sozialer und natürlicher  Nahraum (den Begriff Heimat vermeide ich hier bewusst) wertvoll genug, um sich um ihn zu kümmern.

Und gelegentlich trifft man in dieser lieblichen Landschaft, in diesem so idyllisch wirkenden Soziotop (in dem Vollbeschäftigung herrscht, so dass unsere Gastwirtin noch nicht einmal eine dringend benötige Kraft zur Unterstützung im Pensionsbetrieb findet), auf unerwartet Schräges. So etwa im Bad Wörishofener Stadtteil Obergammenried: dort gibt es nämlich eine kleine Kapelle, die der Volksheiligen „Kümmernis“ (auch Wilgefortis = starker Wille oder niederländisch Ontkommer) gewidmet ist. Die Anfänge dieser Volksheiligen liegen in der Frühzeit der Christianisierung. Der Überlieferung nach handelt es sich bei ihr um die Tochter eines heidnischen Königs von Portugal, die zum Christentum übergetreten ist. Als der Vater sie mit einem Heiden verheiraten wollte, bat das wunderschöne Mädchen Gott darum, sie so zu entstellen, dass kein Mann sie heiraten wolle. Und der offensichtlich mit einem ziemlich abgedrehten Humor ausgestattete Gott ließ ihr: … … einen Bart wachsen. Das veranlasste den Vater, sie in Lumpen zu kleiden und zu kreuzigen. Diese Geschichte verbreitete sich ab etwa dem 15. Jahrhundert vom rheinisch-niederländischen Raum bis weit nach Bayern und Tirol, wo die „Heilige Kümmernis“ den Status einer Volksheiligen erlangte.

In der Kapelle in Obergammenried finden wir eine Abbildung dieser Heiligen – mit Bart. Und die Gekreuzigte sieht aus wie Conchita Wurst.

Wenn das kein Zeichen für die Möglichkeit einer besseren Welt ist! Mitten in Bayern!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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5 Kommentare

  1. Hallo Herr Matzkowski,

    Sie trauen sich ja was. Geben hier den zornigen, alten, weißen Mann, der, weich geworden, mimimi macht und der guten alten Zeit nachtrauert. Sekundärtugenden preist, dem ahnungslosen Leser Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und Disziplin als erstrebenswerte Tugenden anbietet. Und dabei völlig außer Acht lässt, dass hinter diesen „Tugenden“ immer der hässliche Deutsche auf Opfer lauert, um sie mit Fleiß & Disziplin jeglicher Lebenslust und Freude zu berauben.

    Da ziehe ich einen nächtlichen Bummel über die Bahnhofstraße vor, wo man durch Alleen aus Wasserpfeifen und unter Kaskaden gespuckter Sonnenblumenkernschalen lustwandeln kann, untermalt mit folkloristischen Messertanzeinlagen auf und aus den Seitenstraßen.

    Mir sind die Statements des echten, wahren, richtigen Lebens vor den Häusern lieb und teuer geworden, hier ein paar verstreute Lebensmittel, dort drapierte Weißware, gesprenkelt mit Anmutungen blauer Müllsäcke, alles ungekünstelt, wild, naturwüchsig, unverdorben durch kulturelle Zwangstechniken. Keine aufgeplatzte Mülltüte, kein dampfender, liegen gebliebener Teppich, hat so viel Potential des Grauens an sich, wie die mit der Nagelschere über den Kamm gestutzen Grashalme, die soldatisch in Reih und Glied gepflanzten Stiefmütterchen der Rabatten, die Sie hier so anpreisen.

    Dahinter lugt die hässliche Fratze des Deutschen Spießers hervor, des Mannes in kurzen Hosen, weißen Socken, Sandalen, der immer noch die Welt an seinem Wesen genesen lassen will.

    Ich hätte mir also gewünscht, statt eines verklärenden Reiseromans an dieser Stelle von Ihnen einen Blick hinter die Fassaden zu bekommen, einen Blick in die Abgründe Deutschlands, des Deutsch-Seins, wissen wir doch alle: etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.
    Gelsenkirchen Neustadt
    Gelsenkirchen Neustadt
    Ursprüngliches und authentisches Leben in der Gelsenkirchener Neustadt

    1. Sehr geehrter Herr Niski,
      es freut mich natürlich, einen so ausführlichen Kommentar zu lesen, noch dazu mit Fotos, die den Kontrast zwischen unserer Welt hier und der, in die ich kurzzeitig eintauchen konnte, in aller Schärfe deutlich machen. In einem Punkt will ich Ihnen widersprechen: ich habe nicht „mimimi“ gemacht, sondern so etwas wie „bruaaah“, als nämlich morgens um 5.30 Uhr eine weißbekittelte Dame unser Zimmer betrat, meiner Frau einen Heusack unter den verspannten Nacken legte, danach meine Bettdecke zurückschlug und meine von diversen Krampfadern und Narben entstellten Beine in nass-kalte Tücher wickelte, diese mit weiterem Tuch ummantelte, danach die Bettedecke wieder ordentlich drapierte und das Zimmer mit dem Hinweis verließ:“Gute Ruhe noch – und wenn die Tücher warm sind, dann wickeln Sie diese ab.“
      Und siehe: mein Kreislauf kam in Schwung, die Durchblutung des mürben Beinfleisches wurde angeregt und mich dünkte, mir sei die Heilige Kümmernis selbst erschienen, ohne Bart – aber in weißem Kittel. Ein (Er-)Weckungserlebnis! Gestählt durch kneippsche Anwendungen und religiöse Erscheinung stelle ich fest:
      Seitdem prallen die böse Welt und auch Bilder davon an mir ab!

      1. Mein lieber Herr Matzkowski,
        was dem einen der Heusack, dem anderen das Tuch, kann dem Dritten auch ein Gläschen Wein sein, wichtig nur, dass Scheuklappen, Tunnelblicke, rosa Brillen, initial gezündet und dann auch intensiv gepflegt werden.
        Gestern erzählte mir ein Verkäufer in einer Nebenstrasse der Kettwiger in Essen, dass dort der Sturzflug und Abstieg nun eingesetzt hätte und man dort zwar noch etwas Abstand zu GE hätte, allerdings wegen des fehlenden Umlandes bald ähnliche Probleme wie in GE hätte.
        Die kaufkräftigeren weichen aus in Richtung Rüttenscheid oder Holland, das Angebot würde sich zwangsläufig ähnlich gestalten, wie in GE und ähnlichen Städten.
        Das Ruhrgebiet als soziales Experimentierfeld bleibt also spannend.

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