Der Stammtisch. Ein Möbelstück deutscher Politik ist vom Aussterben bedroht!

Vorab: Ich bin auf dem Gebiet des Stammtisches kein praktizierender Experte, aber doch interessierter Laie. Da ich, anders als wohl die meisten Deutschen, kein Bier trinke, ja, Alkohol nahezu völlig meide, weswegen ich häufig schon gefragt worden bin, ob ich mal Alkoholiker gewesen sei, der trocken bleiben will, habe ich nur marginale persönliche Erfahrungen mit Stammtischen. Sie beschränken sich wesentlich auf meine frühen Kinderjahre, als mein Vater mich noch gelegentlich am Sonntagmorgen  in die Vereinskneipe mitnahm, wo er sich mit Gleichgesinnten zum Skatspielen traf und über die Fußballspiele am Samstag austauschte (damals wurde nur samstags gespielt!).

Die Bedrohung des Stammtisches hängt natürlich mit dem Niedergang der Kneipenkultur zusammen und dieser wiederum eng mit den wirtschaftlichen Veränderungen (Stichworte: Untergang der Montanindustrie, Zechensterben etc.). Allein in den Jahren von 2001 bis 2010 hat sich die Anzahl der Kneipen und Gaststätten in Nordrhein-Westfalen von 14200 auf 9700 verringert – und die Tendenz hält weiter an. Neben dem ursächlichen Zusammenhang mit dem sog. Strukturwandel spielen Faktoren wie Rauchverbote und die demographische Entwicklung eine Rolle.

Nun ist der Stammtisch als solcher, also als Element der Möblierung einer Gaststätte, für mich kaum von Interesse, sondern vielmehr in seiner Funktion als politischer Ort, sind an ihm doch die „Stammtischparolen“ beheimatet, die dort ausgetauscht werden bzw. von dort ihren Ausgang in den sozialen Nahraum nehmen, den die Stammtischbesucher quasi als Multiplikatoren politisieren, wodurch sie zur Verbreitung der Stammtischparolen über die beschränkte Fläche des Tisches selbst in die Weite der Gesellschaft bzw. der sozialen und politischen Landschaft beitragen.

Interessant ist der Umstand, dass trotz rückläufiger Zahl von Kneipen und damit auch von dort verorteten Stammtischen in letzter Zeit in den „Leitmedien“, also in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF sowie in überregionalen Gazetten , wieder häufiger Warnungen vor Stammtischparolen zu hören und zu lesen sind, die, glaubt man den Mahnern und Warnern, geeignet sind, unsere Gesellschaft geistig zu kontaminieren.

Es scheint also so zu sein, dass die Stammtischparole als solche wesentlich nur noch als semantische Einheit von Grundwort (hier: Parole) und Bestimmungswort (Stammtisch, wobei bei diesem Kompositum Tisch das Grundwort und Stamm das Bestimmungswort ist) zu existieren scheint, sich im (politischen) Raum aber die Parole weitestgehend von ihrer ursprünglichen Verortung gelöst hat.

Obwohl der Stammtisch selbst also im Aussterben begriffen ist, sind die ihm zugeordneten Parolen in ständiger Vermehrung begriffen.

Weil das so ist, wollen wir hier unserem Bildungsauftrag nachkommen und stellen „Stammtischparolen“ zur Verfügung, mit denen sich auseinanderzusetzen lohnend sein kann.

Legen Sie also heute Abend einmal das Smartphone zur Seite und lassen Sie die Fernbedienung ihres Fernsehgerätes unbefingert in Ruhe! Schütten Sie sich ein Pils und einen Doppelkorn (oder was immer Sie mögen) ein und diskutieren Sie mit Freunden, Nachbarn, Ehepartnern, Lebensgefährten oder wem auch immer einige der unten aufgeführten Stammtischparolen!

Viel Vergnügen dabei!

  1. Einzelkinder können nicht so einfühlsam und sozial mitfühlend werden wie Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen.
  2. Bei uns leben einfach schon zu viele Ausländer!
  3. Fußball ist doch eigentlich Männersache!
  4. Wenn Hitler bloß den Krieg nicht angefangen hätte, dann wäre das Dritte Reich doch gar nicht so schlimm gewesen.
  5. Heutige Jugendliche interessieren sich doch für gar nichts.
  6. Die da oben, machen doch sowieso was sie wollen.
  7. Facebook führt in Wahrheit zur totalen Vereinsamung des einzelnen.
  8. Fernsehen macht dumm.
  9. Frau und Technik
  10. Wer sein Auto aufmotzt, hat doch einen Minderwertigkeitskomplex!
  11. Männer sind doch alle Machos!
  12. Wer wirklich arbeiten will, findet, wenn er nicht faul ist, auch bei uns Arbeit.
  13. Dicke sind gemütlich.
  14. Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.
  15. Radfahrer fahren meistens rücksichtslos.
  16. Casting-Shows sind ‚was für Gestörte.
  17. AIDS haben wir doch Homosexuellen zu verdanken.
  18. Wenn eine Frau bauchfrei und im Minirock zur Arbeit kommt, darf sie sich nicht wundern, wenn sie „angemacht“ wird.
  19. Computerspiele machen gewalttätig.
  20. Männer sind einfach wehleidiger als Frauen.
  21. Wenn junge Frauen sexy (Profil-)Bilder in ihren Facebook-Accounts verwenden, machen sich selbst zu Schlampen.
  22. Politiker sind doch alle korrupt.
  23. Raucher sind die kommunikativeren Menschen.
  24. Facebook ist doch nur etwas für Leute, die zu viel Zeit haben.
  25. Man weiß doch nie, was so ein Moslem wirklich denkt.
  26. So schlecht ist die Todesstrafe auch wieder nicht.
  27. Homosexualität ist doch einfach widernatürlich.
  28. Ausländer sind krimineller als Deutsche.
  29. Die Schüler sind doch meistens nur zu faul. Wer lernt, kommt auch mit.
  30. Ein normaler Mensch braucht keinen Psychiater.
  31. Abtreibung ist Mord.
  32. Der Mensch ist halt von Natur aus schlecht.
  33. Frauen werden doch nur dann lesbisch, wenn sie keinen Mann bekommen oder wenn sie eine Enttäuschung durch einen Mann nicht verkraften können.
  34. Zur rechten Zeit ein paar hinter die Ohren hat noch niemand geschadet.
  35. Aufreizend oder freizügig angezogene Mädchen und Frauen provozieren geradezu Vergewaltigungen.
  36. Bei uns macht doch jeder, was er will.
  37. Eltern haben doch keine Ahnung.
  38. Frauen sind doch einfach die besseren Menschen.
  39. Singles wollen keine Verantwortung für andere übernehmen.
  40. Wer was gegen die wachsende Kriminalität erreichen will, muss einfach härter durchgreifen.
  41. Alle Männer wollen  nur das Eine.
  42. Autofahrer kümmern sich doch überhaupt nicht darum, was mit der Umwelt los ist.
  43. Raubkopierer werden bei uns härter bestraft als Kinderschänder.
  44. Flüchtlinge bekommen Wohnungen, aber Deutsche gehen leer aus.

(Quelle: http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_erw_9_1.htm)

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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7 Kommentare

  1. 48. In den Moscheen werden die Gläubigen auf das Grundgesetz eingeschworen und es wird Respekt vor dem Land und der Gesellschaft gelehrt.

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