Aus der besten aller Welten

Diesen Satz haben Sie so oder so ähnlich beim Einkaufen auch schon einmal gehört. Eine Stimme aus dem All, so sphärisch, aus nicht zu ortenden Lautsprechern: Verehrte Kunden! Kasse 2 schließt. Bitte legen Sie keine neuen Waren mehr auf das Kassenband!

Und dann kommt er: der Angriff der Kampfrentner! Die sich an Kasse 2 anstellen wollten, jetzt aber umsteuern müssen zur Kasse 1 und mir – zack! – mit ihrer Karre in die Hacken brettern.

Ich drehe mich kurz zu dem Rentnermann um, aber der sagt keinen Ton, schon mal gar keine Bitte um Entschuldigung! Vielmehr schaut er mich – als wäre er tatsächlich dabei gewesen, was aber nicht sein kann des Alters wegen – mit den stahlharten Augen eines WK-II-Teilnehmers an, die mir sagen wollen: Der Rückzug von der Ostfront damals war der erste und letzte meines Lebens!

Während meine Achillesferse aufprallbedingt auf das Doppelte ihres natürlichen Umfangs anschwillt, denke ich: Den Mann bloß nicht provozieren! Bestimmt hat diese knapp 1,60 Meter große Dynamitstange auf zwei Beinen unter der beigen Rentnerjacke eine von seinem Opa geerbte Panzerfaust vom Volkssturm, die er einzusetzen unzweifelhaft bereit ist. Folglich sage ich nichts und lasse den Mann, freundlich wie ich bin, auch noch vor. Denn der Rentnermann hat heute bestimmt noch was ganz Wichtiges zu erledigen!

Und im selben Moment denke ich: Scheiße, jetzt kommt der mit dem Satz „Moment, ich habe es passend!“ Und kramt dann mit seinen gichtigen Griffeln, die einmal Finger waren und sicher zu etwas nutze, in diesem verkackten Klapp-Portemonnaie herum und sucht und grabbelt und sucht und grabbelt, um dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, doch einen 50-Euro-Schein herauszuziehen

Aber weit gefehlt!

Es kommt schlimmer!

Um seine 8,23 EURO zu entrichten, sagt er: Ich zahle mit Karte!

Er zieht seine EC-Karte heraus und beginnt damit, den Befehlen des Geräts folgend, seine PIN einzugeben. Das ist einfach und geht schnell. Und man hat ja nur 10 hoch vier Möglichkeiten, also zehntausend Möglichkeiten!

Oder, warte mal! Nicht 1,2,3,4, sondern, glaube ich, 4321. Aber er hat ne ganz einfache PIN, die man sich gut merken kann, also seinen Geburtstag, also 1.2.43?

Jedenfalls: ihm steht Schwitzwasser auf der Stirn, weil er angezeigt bekommt, dass er schon zwei falsche Versuche hatte und nur noch den einen Freiversuch!

Und zwischendurch wieder die Stimme. „Sehr geehrte Kunden, Kasse 2 öffnet  für Sie. Legen Sie ihre Waren schon einmal aufs Band!“ Und hinter mir setzt die Völkerwanderung zur Kasse 2 ein, aber ich stehe immer noch hinter dem Rentner, der jetzt zum Fangschuss ansetzt!

Der holt nämlich so ein kleines schwarzes, verkacktes Klapp-Portemonnaie aus seiner Gesäßtasche, grabbelt mit seinen gichtigen Griffeln darin herum, um schließlich zu sagen: Ich glaub, ich hab´s passend!

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5 comments

Ro.Bien. says:

Wer hat das geschrieben? B oder oder HN? Wem kann ich Nestbeschmutzende Altersdiskriminierung vorwerfen?

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Ro.Bien. says:

also du -hab ichs mir doch gedacht…

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Heinz NiskiHeinz Niski says:

wie gesagt, wenn man auf den Artikel klickt, erfährt alles über den Autor. Oft sind in dem Artikel zusätzliche links, Bilder, Videos …,

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Betty.Mey. says:

Das ist doch eine Story im Sinne von „ich frage für einen Freund“. So viel Selbstironie hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.
Gute Besserung für den Kunden, dem Sie beinahe die Achillesferse durchtrennt haben.

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