Aus der besten aller Welten (9)

Ich hab´ nix!

In letzter Zeit fühle ich mich häufig ausgegrenzt, nahezu diskriminiert. Jedenfalls einsam. Das war früher anders, in den alten Zeiten. Sie wissen schon! Als man auf Partys über Politik sprach, die Veränderung der Gesellschaft, Utopien, die neuste literarische Sensation oder das aktuelle Sachbuch. Aber die Zeiten sind vorbei. Jedenfalls was die Gruppe der Gleichalterigen betrifft. Da klagt man nicht mehr die Gesellschaft, den Kapitalismus oder die Kriegstreiber an, sondern klagt sich gegenseitig sein Leid, also man spricht über die Wehwehchen.

Da bin ich raus. Weil ich nix hab´. Alle anderen haben immer ´was, manchmal sogar mehrere Sachen gleichzeitig. Aber ich: nix, niente, nothing, nüx. Arthrose im linken Knie. Aber was ist das schon! Ich leide am Fluch überstandener Erkrankungen. Mein Herzschrittmacher funktioniert tadellos, die Pumpe läuft 1 a. Meinen bösartigen Nierentumor bin ich durch eine OP losgeworden. Und das hab ich jetzt davon: NIX!

Und dabei strenge ich mich echt an, möglichst viel falsch zu machen. Ich esse Weißmehlprodukte, zögere nicht bei Kohlenhydraten und Fetten. Butter muss schon sein, auch mal daumendick! Vor Kaffee, Softdrinks und Süßigkeiten bin ich nicht bange, Dafür mache ich aber einen Bogen um Obst und Gemüse. Und die Folge: NIX!

Gut – Übergewicht. Aber Übergewicht ist nicht anerkannt als Krankheit, nicht geeignet für Aufmerksamkeit bei Partys. Übergewicht ist eher …zweifelhaft. Jedenfalls kann man mit Übergewicht nicht glänzen auf Partys.

Das ist so ähnlich wie mit Hämorrhoiden.

Da können Sie auch nicht mit glänzen!

Wenn Sie bei einer Party, bei einem Sektempfang oder nach einer Theaterpremiere im Musiktheater-Foyer in eine Gruppe platzen – jeder in der Gruppe mit einem Prosecco in der Hand – wo man sich über die jeweiligen Intoleranzen unterhält, die jeder so hat, und Sie sagen dann: Mensch, heute Jucken meine Hämorrhoiden aber wieder!

 …….

Da kommt ein kaltes Schweigen auf.

……..

Und wenn Sie dann nachschieben.: Apropos Hämorrhoiden! Da fällt mir der alte Anal-Witz ein: Wenn´s abends am Hintern juckt, müffeln morgens die Finger, haha, haha!

Da stoßen Sie jedenfalls auf eine gewisse…also: die Stimmung steigt jedenfalls nicht!

Aber wenn wir schon mal in der unteren Körperregion sind: Reizdarmsyndrom! Das wäre was für den Gesprächsbeginn. Reizdarmsyndrom ist anerkannt, da kommen Sie gut rein in die Prosecco-Gruppe. Und wenn Sie dann noch, aber bitte wie beiläufig, sagen: Habe im Moment auch viel zu tun. Und —äh— Reizdarmsyndrom ist ja sehr häufig durch Stress getriggert.

Da haben Sie ein Standing. Da sind Sie richtig drin in der Prosecco-Gruppe. Und nehmen – thematisch gesehen – einen der vorderen Plätze ein.

Also, da halten die beiden mit Lactose- bzw. Fruktoseintoleranz schon ´mal den Mund. Da kommen die nicht mehr um die Ecke mit. Da kann vielleicht noch einer mithalten, der eine Glutenunverträglichkeit vorzuweisen hat. Glutenunverträglichkeit geht gut in der Runde, toppt aber nicht Ihr durch Stress getriggertes Reizdarmsyndrom. Damit sind Sie für den Abend auf der richtigen Seite. Denn Glutenunverträglichkeit hat heute schon fast jeder zweite!

Was noch über das Reizdarmsyndrom geht:

Fibromyalgie…

Weich…teil…rheu…ma!

Weichteilrheuma verweist Sie mit Ihrem Reizdarm eindeutig auf Platz Aber mit Weichteilrheuma sind Sie der Party-Mittelpunkt, der Premieren-After-Party-Hit, der Burner des Abends.

Aber ich, ich kann davon nur träumen. Denn wie gesagt: ich hab´ ja nix.

Gesundheit kann einen heutzutage ganz schön einsam machen!

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5 comments

Norbert Melcher says:

Hmm, fehlt da in der Aufzählung nicht das gerade in (Lehrer)Beamtenkreisen gerne genommene „Burn-out“? Soll doch ungemein helfen die arbeitsfreie Spanne bis zur Pensionierung zu verkürzen, ohne auf Ansprüche verzichten zu müssen? Ich frag ja nur mal so….

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Bernd MatzkowskiBernd Matzkowski says:

Ich berichte hier nur von meinen Erfahrungen – und da spielte BURN OUT keine Rolle. Wahrscheinlich weil es schon ausgelutscht ist als Krankheit, mit der man Eindruck schinden kann. Angeblich (siehe WAZ von heute) sollen viele Jugendliche heutzutage Burn Out haben!
Den zweiten Satz des Kommentars verstehe ich nicht wirklich. Anders als früher ist es heute so, dass Beamte bei vorzeitiger Pensionierung durchaus Einkürzungen bei der Pension haben. Wenn man eine bestimmte Fehlzeit erreicht hat, wird man als Beamter vom Dienstherren zur fachärztlichen Begutachtung geschickt. Der erstellt ein Gutachten dazu, ob man vorzeitig in Pension gehen soll oder eingeschränkt weiterarbeiten kann oder voll belastbar ist. Ich sag nur mal so, ohne zu wissen, ob sich diese Thematik auf den zweiten Satz bezieht.

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Norbert Melcher says:

Wenn dem Eintritt in den vorgezogenen Ruhestand eine längere (in den mir bekannten Fällen mehr als 2 Jahre „burn-out“) krankheitsbedingte Abwesenheit vorangeht gibt es wohl eine Regelung, dass dann die eigentlich vorgesehenen Abzüge nicht vorgenommen werden. Der Beamte geht dann mit ungekürzten Pensionsansprüchen in den vorgezogenen Ruhestand.

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Bernd MatzkowskiBernd Matzkowski says:

Ich kenne nur diese Regelung“ Grundsätzlich gilt: Jedes Jahr, das Sie als Beamter oder Beamtin eher in den Ruhestand gehen, senkt Ihre Versorgung um 3,6 Prozent, bei Dienstunfähigkeit aber maximal um 10,4 Prozent.
Wie hoch die Versorgungsansprüche tatsächlich sind, ist vom individuellen Fall abhängig. Entscheidende Faktoren sind dabei diese:

  • Individuelle Altersgrenze (abhängig von Geburtsjahr und Laufbahn)
  • Schwerbehinderung
  • Dienstunfähigkeit durch anerkannten Dienstunfall
  • Anzahl ruhegehaltsfähiger Dienstjahre“

Vielleicht ist das gemeint: Die Kürzung ist bei Dienstunfähigkeit begrenzt, wobei egal ist, aus welchem Grund (physisch oder psychisch, also etwa burn-out) die Dienstunfähigkeit anerkannt wird.

Hat aber mit dem Thema des Textes, dass es eine Art von „anerkannten“ und weniger „anerkannten“ Krankheiten und Modekrankheiten gibt , letztlich nichts zu tun. Aber ich bin da kein Experte.

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Fra.Prez. says:

Fibro ist der Burner bei der Prosecco Party. Aber Wehe dem, der tatsāchlich davon ereilt wird. Ich weiss es durch meine Arme Gattin. Als Totschlag Leiden bei genannter Prosecco Party ist nach meiner Erfahrung eine, wenn auch nur behauptete, chronische Flatulenz. Die Erzāhlung sollte durch eindeutige Gerāusche mit Duftanteilen glaubwürdiger gemacht werden. Das Risiko für den Erzählenden besteht allein darin, dass nach anfänglicher Faszination der Zuhörenden, das Alleinstellungsmerkmal (Marketingsprech) Flatulenz auch physisch erlebbar wird. Niemand möchte mehr in der Nähe sein. Ziemlich doof auf einer Party

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