…oder Das Leid ist immer das der Kleinsten
Auf der Seite 1 der lokalen Meldungen gibt es heute deren vier: falsche Wasserwerker wurden festgenommen, Autoknacker bedrohten ihr Opfer mit einem Messer und nach den Sommerferien ziehen 66 Kinder in die neue Grundschule an der Gräfte ein. Das sind drei Meldungen von geringer Reichweite, sieht man einmal davon ab, dass für die 66 Kinder der Einzug in die für 31,8 Millionen EURO errichtete Grundschule nur eine abstrakte Größe ist, deren praktische Auswirkungen aber sicher von dauerhafter Bedeutung sind.
Ich habe mich heute beim Aufschlagen des Lokalteils allerdings schon gewundert, warum diese drei eher boulevardesken Artikel einen vierten Beitrag einrahmen, der mit der Überschrift „Kindeswohl immer häufiger gefährdet“ versehen ist?
Immerhin weiß der Beitrag davon zu berichten, dass es im abgelaufenen Jahr in Gelsenkirchen 1937 Einsätze wegen einer möglichen Kindeswohlgefährdung gegeben hat und sich innerhalb von sechs Jahren die Einsatzzahl verdoppelt hat. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Meldungen dramatisch angestiegen, jede fünfte Meldung wurde der höchsten Risikostufe zugeordnet. Im Jahr 2024 wurden 274 Minderjährige in die Obhut des Jugendamtes überstellt, also den Eltern entzogen: suchtkranke Eltern, übergriffige Eltern, akute Krankheitsfälle der Erziehungsberechtigten.
Was aus den Zahlen nicht hervorgeht, ist das Leid der Kinder, die der Gewalt durch ihre Eltern ausgesetzt sind oder hilflos sexuellen Übergriffen ausgeliefert sind: so waren 2024 69 Kinder jünger als drei Jahre, 82 waren im Vorschulalter und 111 Kinder im Grundschulalter.
Blicken wir auf das Land NRW, sind den Jugendämtern 2024 über 17000 Fälle einer akuten oder latenten Kindswohlgefährdung gemeldet worden. Diese Zahl stellt gegenüber 2019 eine deutliche Steigerung dar, nämlich um 55%.
Diese schnöden Zahlen lassen uns erschrecken, weil sie die Verrohung unserer Gesellschaft auf besonders brutale Weise deutlich machen und uns daran erinnern, dass ein wesentliches Zeichen unserer Gesellschaft sich darin manifestiert, wie wir mit den Kleinsten und Wehrlosesten unserer Gesellschaft umgehen. Da mögen sich die 66 Kinder, die nach den Ferien in die neue Grundschule einziehen werden, noch so sehr freuen. Aber unter ihnen werden auch Kinder sein, die schon in jungen Jahren einer Bedrohung durch Gewalt, Vernachlässigung und emotionale Kälte ausgesetzt waren.
Man mag daran denken, wenn die Kinder, was ich ihnen gerne gönne, das neue Schulgebäude zu dem ihrigen machen.
(Quelle: WAZ, Lokalteil GE von heute)


