Categories: Gemischte Früchte

Gemischte Früchte 11 (mit und ohne Sahne, fortlaufend)

Georg Takl, Verfall

 Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

 Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

 Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

 Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen

Georg Trakls gleichermaßen schwermütiges wie kunstvolles Sonett steht am Anfang eines Textes, dessen Schwerpunkt die Beschäftigung mit dem Tod ist. Wer es etwas weniger kunstvoll, dafür aber profaner möchte, der kann natürlich die täglich im lokalen Käseblatt veröffentlichten Traueranzeigen studieren, die uns auf eindringliche Weise nicht nur deutlich machen, dass wir vom Tod umgeben sind, sondern durch die Angabe des Geburts- und Sterbedatums eine Ahnung davon vermitteln, wie schnell unser Leben seinem Ende entgegenschreiten kann. In Trakls Text bricht in die stimmungsvolle Atmosphäre der Abenddämmerung, die sich (noch) in den beiden Quartetten aufbaut, plötzlich in den beiden Terzetten die (Vor-)Ahnung des Todes ein: das Bild vom blassen Todesreigen der Kinder. Aus dem Träumenden (Strophe 2) wird ein Zitternder, der plötzlich hinter der Schönheit der Natur den „Verfall“ verspürt.

Man kann in eine ähnliche Stimmung versetzt werden, wenn man, wie in der heutigen Ausgabe der WAZ geschehen, menschliche Katastrophen und Tragödien mit Betrachtungen über den Tod kombiniert. Der Tod springt uns in der WAZ dreifach an: mit dem Verweis auf die innerstädtische Bahnkatastrophe in Portugals Hauptstadt Lissabon („Entsetzen in Lissabon“), mit der Reportage und der Meldung über das Beben in Afghanistan („Mehr als 2000 Tote bei Beben in Afghanistan“) und mit dem Beitrag über die „Koalition der Willigen“, also jener europäischen Gruppe von Staatenlenkern, die sich zu einem Treffen (auch mit zugeschalteter Videokonferenz) über Sicherheitsgarantieren  verabredet hatten ( „Koalition der Willigen“ tagt zum Ukraine-Schutz), wobei in diesem Fall alles, was besprochen worden ist, an die Vorbedingung eines Waffenstillstands geknüpft worden ist.

Diesen drei düsteren Beiträgen steht aber auch eine Hoffnung gegenüber, die uns zwei Männer verkündet haben, die doch eher als Kriegstreiber eingeordnet werden: Der russische Wladimir und der chinesische Xi. Während in Lissabon und in Afghanistan und in der Ukraine gestorben wird, haben die beiden Denker über den Tod spekuliert, wie die WAZ meldet: der eine hat über Verjüngungskuren und die Option nachgedacht, 150 Jahre alt zu werden (Putin), der zweite (Xi) hat geweissagt, es wäre noch in diesem Jahrhundert denkbar, mindestens 150 Jahre alt zu werden. Dass die beiden mittlerweile über 70 Jahre alten Hoffnungsträger der Menschheit diese Überlegungen im Rahmen der Pekinger Militär-Protz-Parade geäußert haben, um an das Ende des II. Weltkrieges vor 80 Jahren zu erinnern, dessen geschätzte Zahl der Toten durch unmittelbare Kriegseinwirkungen bei 60 bis 65 Millionen liegt, macht deutlich, wie geschichtsvergessen diese beiden alten Herren mittlerweile sind.

Oder sind die Herrscher einfach nur zwei grenzdebile Spaßvögel, die wie Waldorf und Statler vom Balkon herab Witze machen?

Da geht es uns in Gelsenkirchen noch richtig gut, denn hier können Verantwortliche des Heimatvereins in Buer noch Kritik daran üben, dass die 150-Jahr-Feier der Stadt zum falschen Zeitpunkt gekommen sei. Man hätte dieser Tage bestenfalls das 150jährige Bestehen des Stadtsüdens feiern können!

Das musste unbedingt einmal gesagt werden!

 

 

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1 comment

Heinz NiskiHeinz Niski says:

Was sind das für Spin-Dottores, die den völlig verbrannten Begriff „Koalition der Willigen“ nehmen, um Kriegstüchtigkeit in die Hirne der Bevölkerung zu hämmern?
Jeder weiß, dass der Bush-Irak-Krieg mit Lügen, Lügen, Lügen den Bürgern schmackhaft gemacht werden sollte (Massenvernichtungswaffen-Lüge) und dass er einer der Gründe für die Fluchtbewegungen Richtung Europa / Deutschland war.
Diese Koalition der Willigen hatte kein Mandat des UN-Sicherheitsrates, führte zu hunderttausenden von Toten, destabilisierte erst die Region im Nahen Osten, später dann Europa.
Wie irre muss man sein, diesen belasteten Begriff zu nehmen, um den Bürgern engere Gürtel und Leichentücher zu verkaufen.

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