Gänsehautstimmung im Wahllokal.
Zunächst schien alles wie immer. Das Gebäude, der Eingang, der Raum. Doch dann kam es bei jedem Neuankomling zu einer mittleren bis größeren Irritation, sobald die Eingagstür durchschritten war.
Es folgten spontane Bürgerfragen und mündlich vorgetragene Bürgeranträge, die unkompliziert und ohne vorherige Terminreservierung per Zuruf durch den paritätisch und divers besetzten Wahlvorstand präzise und unmissverständlich beantwortet wurden: „Nich da anstellen! Hier gehtet los!“
Was war geschehen?
Der Strom der Wähler wurde erstmals nicht gegen sondern im Uhrzeigersinn von der Registrierung, über die Wahlkabine, bis zur Wahlurne geleitet.
„Mal wat Neuet“, sagte die zur Sprecherin gewordene, freundliche junge Dame, die in kunstvoll ausgedruckten Listen nach einem Eintrag suchte, der einigermaßen mit den Daten auf der herüber gereichten Wahlbenachrichtigung übereinstimmte.
Mit einem Stapel Papier, bestehend aus 4 farblich wunderbar aufeinander abgestimmten Blättern, ging es für alle Wähler hübsch nacheinander und ohne jede körperliche Anstrengung auf die Reise in Richtung Wahlkabine, die bereits nach exakt drei Sekunden erreicht werden konnte. Die Stadt der kurzen Wege und hervorragenden Verkehrssysteme ist selbst im Wahllokal spürbar.
Vier stilsichere Ikonen des Tabellensatzes waren zu bewundern, gut abgeschirmt vor den neugierigen Blicken Unbefugter durch Meisterwerke des Tischlerhandwerks. Die Stellen auf den Druckerzeugnissen, an denen eine Markierung mittels zwei sich kreuzender Linien angebracht werden konnte, waren mit perfekt gezirkelten Kreisen gekennzeichnet. Ein haptisches Wohlgefühl, das eigens dazu kostenlos bereitgestellte Schreibgerät mit der Hand über das Papier zu führen und staunend zu beobachten, wie sich auf jedem Blatt eine Spur des Schreibmittels genau an den vorgesehenen Stellen abzeichnete.
Augenscheinlich aus ästhetischen Gründen variierten die aufgebrachten Tintenspuren von Blatt zu Blatt, betrachtet man den Abstand der gekreuzten Markierungslinien zum oberen Papierrand, denn das Auge isst bekanntlich mit. Die Kreuze fanden folgerichtig ihre Endposition nach den Gesetzen des goldenen Schnitts, da alle Blätter ausgebreitet und dann exakt aneinander ausgerichtet wurden. „Ja, so ist es perfekt.“ Fast aus jeder Wahlkabine war diese tiefe Zufriedenheit leise zu vernehmen. Alle Blätter einmal mittig gefaltet und abschließend ineinander gesteckt, ergaben einen Klassiker des Bürofalz, der stolz und glücklich weitertransportiert wurde.
Bereits 5 Sekunden später war das Werk am Ziel angekommen. Wähler und Held des Ehrenamtes standen sich nun unmittelbar direkt gegenüber, um den Akt zu vollenden. „Hier rein“, bemerkte der, dessen Hand mit verblüffender Geschicklichkeit einen Einwurfschlitz freigab, welcher mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit exakt der zuständigen DIN-EN-Norm voll umfänglich entsprach. Einmal gut gezielt und nicht verkantet glitt mit einem kaum vernehmbaren Rascheln der Wählerwille im freien Fall in die Wahlurne. Es war vollbracht.
Strahlende Augen, wohin man sah. Wähler umarmten sich spontan. In der Mitte des liebevoll von der Stadt Gelsenkirchen und aller ihrer Helfer hergerichteten Raums hob ein vom Wahlbetechtigten zum Wählenden und schließlich Gewählthabenden transformierter Wähler an, ein paar persönliche Worte an die Anwesenden zu richten. „Danke für alles!“ Weiter kam er nicht, denn es übermannte ihn die Rührung darüber, an der demokratischen Willensbildung mitgewirkt zu haben, als Applaus aufbrandete und unter den Bravo-Rufen ein paar anwesende Vierbeiner vor Freude mitheulten.
Nur langsam kehrte wieder andächtige Stille ein und erfüllte den Raum. Demütig sammelte ein Gewählthabender den Müll vor dem Wahllokal auf. Es tut sich was in dieser Stadt.



Habe ich so gar nicht wahrgenommen. Ich habe nur geheim gewählt.
Ich gehe noch mal zurück zum Wahllokal. Eine Bekannte sitzt dort als Wahlfee.
Die drückt bestimmt ein Auge zu und lässt mich noch mal wählen.
Ich melde mich dann gleich und berichte…….
Hast du auf dem Ticket einer immobilien Seniorin vier weitere Kreuzchen machen können?
Keine Chance, da war ein Spaßbremsen-AfD Wachhund-Wahlbeobachter bei. Ich musste den Verwirrungstrick „Wer sind Sie denn, können Sie sich ausweisen, sind Sie befugt hier herumzustehen“ anwenden. Dadurch ist es mir gelungen, noch ein paar Wahlzettel aus 2020 in die Urne zu schmuggeln.