GELSENKIRCHENER RUNDSCHAU
AMTLICHES NACHRICHTEN ORGAN
Nicht alle Besucher wollten am Samstag einkaufen
Ein Sit-in im Erfrischungsraum sollte Protest Kraft verleihen
Verärgerte Jugendliche ließen sich im Kaufhof häuslich nieder
Im krassen Missverhältnis zueinander stehen die Reklamesprüche der Kaufhof AG, die täglich über Radio Luxemburg ausgestrahlt werden, und das Verhalten einiger leitender Angestellter der Gelsenkirchener Filiale dieses Konzerns.
Das ist jedenfalls die Meinung einiger Jugendlicher unserer Stadt, die nach eigenen Angaben wiederholt wegen zu langer Haare oder auffälliger Kleidung aus dem Erfrischungsraum gewiesen wurden.
Aus Protest gegen diese Maßnahmen schritten die Jugendlichen mit einiger Verstärkung am Samstagmorgen zur passenden Tat: Mit etwa 25 bis 30 Mitgliedern ließ sich eine Gruppe im Erfrischungsraum nieder und veranstaltete ein Sit-in mit in der Lebensmittelabteilung gekauften Speisen und Getränken, sehr zum Missfallen der übrigen Gäste und einer Substitutin, die ebenfalls zur Tat schritt und den Protestierern die Tür wies.
Doch vor der Tür ließen sich die jungen Leute erneut nieder und blockierten den Eingang. Inzwischen war die Polizei benachrichtigt, die die inzwischen auf 60 Köpfe angewachsene Protestgruppe auf der Bahnhofstraße erwartete. Hier kam es zu den ersten Handgreiflichkeiten, als die Jugendlichen die Aufforderung der Polizei, Bahnhof und Kolpingstraße zu räumen, mit dem Abbrennen von Knallkörpern beantworteten.
Polizei stand zwischen zwei Feuern
Hier geriet auch die Polizei ins Kreuzfeuer der Kritik, denn auf der einen Seite sah sie sich den alles andere als verständnisvollen Protestierern gegenüber, um andererseits böse Bemerkungen von Passanten über sich ergehen lassen zu müssen, dass sie nicht hart genug durchgreife. Schließlich sorgten die Jugendlichen selbst dafür, dass die Besatzungen von insgesamt sechs Streifenwagen etwas von Ihrem friedlichen Vorgeben abrücken konnten.
Der Versuch einiger Jugendlicher, den Streifenwagen Erna 3508 umzuwerfen, um dadurch den Abtransport der vorläufig festgenommenen Klaus-Dieter W. (21), Rainer J. (19), Reinhard D. (16), Toni K (16) und Rüdiger-Hermann Sch. (18) zu verhindern, führte dazu, dass die Polizei die beiden Straßen räumte und zur Wache fuhr, wo die Personalien der Protestierer festgestellt wurden. Wertvolle Hilfe dabei leistete ein auf der Bahnhofstraße zufällig vorbeikommender Kriminalbeamter, der seinen Kollegen von der Schutzpolizei einige Anführer benennen konnte, die ihm bereits von ähnlichen Anlässen bekannt waren. Die Leitung des Kaufhofes stellte noch am gleichen Tage Strafantrag.
Nach Verlassen des Kaufhofs berieten die jugendlichen Protestierer auf der Bahnhofstraße ihre nächsten Aktionen, die dann zum Zusammenstoß mit den Besatzungen mehrerer Streifenwagen führte. RUNDSCHAU-Bild
Montag, 11. Januar 1971
Achim Wagner schickte mir gestern diesen Zeitungsausschnitt.
Panik. Gelsenkirchener Rundschau*? Gab es die wirklich?
Doch. Die KI sagt: WAZ, Bild, NRZ, Gelsenkirchener Rundschau* und auch die Buersche Zeitung. Langsam dämmert es.
Die Zeitungslandschaft war bunter. Vor 50 Jahren war nicht jeder sein eigener Sender und Empfänger dank sozialer Medien und Smartphone.
Die Gelsenkirchener Rundschau* war bürgerlich-konservativ (Springer?), die WAZ sozialdemokratisch, die NRZ katholisch, die Buersche Zeitung konservativ-anti-SPD.
Zum selben Ereignis 5 Meinungen bzw. gefärbte Berichterstattung. Luxus.
Ja, schlimme Zeit damals, wo über den Kragen stehende Haare Mikroaggressionen, böse Blicke, Hassrede auslösten, die auch schon mal in einer „Kaufhofrandale“ enden konnten.
Gut, dass heute jedermann, jedefrau, jedesdiverse als Puppyplayer mit Hasenohren, Strapstanga oder an einer Hundeleine Wau-Wau bellend, unbehelligt über die Bahnhofstrasse hoppeln oder robben kann.
Nur die mitleidigen Blicke der Passanten, da muss noch dran gearbeitet werden.
*Nachtrag:
Die „Gelsenkirchener Rundschau“ war der Lokalteil der Westfälischen Rundschau. Danke an den aufmerksamen Leser, der uns diesen Hinweis gab. Weitere Ergänzungen folgen.



