Unsere tägliche Wandzeitung gib uns heute….

Hausfassaden und Wände als Träger von Botschaften sind kein neues Phänomen. Die ältesten bekannten Höhlenzeichnungen entstanden vor 55 000 Jahren. Deren Nachrichten werden teils mit religiösen Inhalten verknüpft, teils als Jagdanweisung gedeutet, manchmal als zweckfreie Kunst gesehen.

Aus Pompeji sind uns erste egozentrische Kritzeleien (Tags) bekannt, die philosophisches wie: “ „Fututa sum hic“ – „Ich wurde hier gevögelt“ (die Verfasserin, so sagt man, war eine Frau) oder „Hic ego puellas multas futui“ – „Hier habe ich viele Mädchen gevögelt“ (der Verfassende möglicherweise männlich).

Der erste moderne Tagger war im 19. Jahrhundert Joseph Kyselak, der Unsterblichkeit dadurch erlangte, dass er im Habsburger Herrschaftsbereich alles, was nicht weglaufen konnte, mit seinem Namen verzierte.

Sprung nach Mexiko.

Diego Rivera „erfand“ um 1930 die ersten politischen Murales, große Wandgemälde, die er im Auftrag der mexikanischen Regierung zur Volkserziehung, Bildung und zur Stiftung einer kulturellen Identität malte.

Seine Werke existieren bis heute, sind nach wie vor identitätsstiftend und darüber hinaus touristische Anziehungspunkte.

Zeitsprung und Ortswechsel.

In den 1960er Jahren entstanden die ersten Streetgangtags in Los Angeles, später dann neben den einfachen Revier- und Gebietsmarkierungen, komplexere Wandbilder, meist im Chicano Stil. Sehr häufig hatten die Motive sozialkritische und / oder spirituelle Aspekte.

Gangkriminalität und Tags sind untrennbar verbunden und bleibende Kulturtechnik geworden.

Ortswechsel und Zeitsprung.

1974 fand in Portugal die Nelkenrevolution statt. Portugal hatte einen hohen Anteil an Analphabeten, weshalb Murales das Massenmedium der Revolution wurden. Parteien, basisdemokratische Bürgerkomitees und Künstler verbreiteten ihre Botschaften darüber. Es gab Aufrufe zu Demonstrationen, Agitation zu Landreformen, Unterstützung der afrikanischen Befreiungsbewegungen, Kritik am Imperialismus und Faschismus etc..

So viel Aufruf zur Debatte, zum Handeln ist dann doch zu agitatorisch, zu lebendig. Die wieder errichtete bürgerliche Ordnung übertünchte folglich das Chaos und das kollektive Gedächtnis mit Weiß. Keine Murales mehr, keine roten Nelken, dafür ein entradikalisierter und entpolitisierter öffentlicher Raum. „Viva o branco!“

Was wir bis jetzt also wissen:

Tags, Murales, Graffiti, Wandbilder können Produkte egomanischer Selbstanbeter sein, die sich damit erhöhen wollen.

Sie können Auftragsarbeiten von staatlichen Institutionen sein, um Radikalreformen oder Revolutionen zu begleiten. Sollen die Werke überdauern, empfiehlt es sich, sie als Weltkulturerbe unter Schutz zu stellen. Andernfalls werden sie geweißt.

 

Zeitsprung und Bedeutungswandel.

Die depolitisierte Antivandalismus Wand.

Heutige Murales haben die Schutzfunktion der kalifornischen Street-Gangs übernommen. Markieren dort die Gangster ihre Reviere, ist es hier die bürgerliche Stadtgesellschaft (sofern noch vorhanden), die mit bunten Bildern fleht, Vandalismus doch eher in den Nachbarstädten auszuüben.

Stadtmarketingkunst, Gentrifizierungskunst, mit dem Auftrag der Imagepflege, der Wohnwertsteigerung, der Schaffung einer Wohlfühl-Fühligkeit. Dekorativ, entpolitisiert, einer ökonomisch funktionalisierten Ästhetik untergeordnet.

Wellness, bunte Tiere, stilisiertes Panorama, untergegangene Architektur, verlogene Mythen, dies, das, jenes, was Harmonie und Wertsteigerung bringt. Armut, Strukturwandel, Gentrifizierung, Verslumung, ethnische, religiöse Spannungen – kein Thema.

Wenn doch, dann verklärend, romantisierend.

Diabolisch genial der Schachzug, die Murales nicht mit einem Taubenabwehrsystem zu schützen. So werden die Wandgemälde nach einem Jahr zur Stadt passend aussehen.

Fazit:

Ich war angenehm positiv überrascht über die Gestaltung der Wickingstraßenunterführung, nicht nur, weil alles besser ist als Wand mit Taubenkot. Nein, der verklärende Nachruf auf Untergegangenes wirkt.

Wir alle wissen doch, dass sogar die härtesten Heavy Metal Fans heimlich Abba hören. Unter dem Kopfkissen. Gute Nacht.

 

Die Bilder sind aus technischen Gründen farblich und perspektivisch verzerrt.

Ringstraße, einige Meter weiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 comments

Thomas Risse says:

Schöner Beitrag. Habe ihn zu Mastodon getragen… Murales, ja, hier sollen sie Farbe in die Tristesse bringen und gelegentlich von alter Grandeza träumen lassen. Glückauf 🫣

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