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Hollow Talk (60)

Friedrich Schiller, Der Jüngling am Bache***

Komm herab, du schöne Holde,
und verlaß dein stolzes Schloß!
Blumen, die der Lenz geboren,
schütt ich dir in deinen Schoß.
Horch, der Hain erschallt von Liedern,
und die Quelle rieselt klar.
Raum ist in der kleinsten Hütte
für ein glücklich liebend Paar.

 

Selbst unsere „Klassiker“ haben uns immer noch etwas zu sagen. Hier unser Friedrich Schiller in der vierten (letzten) Strophe seines Gedichts „Der Jüngling am Bache“. Lassen wir ´mal Herz und Schmerz, Sehnsucht und Liebe, Verlangen und Hoffnung beiseite, ergibt sich in der vierten Strophe ein Gegensatzpaar, das ganz gegenwärtig ist. Nämlich das Gegensatzpaar der Behausung mit den Schlüsselwörtern „Schloss“ und „Hütte“. Dem Schloss ist das Adjektiv „stolz“ zugeordnet, der Hütte die superlativische Größenangabe „kleinste“.

Verkoppelt sind die beiden „Wohnungen“ über die architektonisch ins Bild gefassten Größenvorstellungen vom riesigen und prunkvollen Schloss, das der beengten und eher schäbigen Hütte gegenübersteht. Aufgelöst wird der Widerspruch über den hier von Schiller sicherlich nicht ironisch gemeinten Begriff der „Liebe“. Die Liebe macht aus der Hütte im Gedicht ein Schloss, verwandelt das Schäbig-Kleine in ein Prunkvoll-Großes. Soweit zum Text von Schiller als kleiner Einstieg!

Nun ist das mit der Welt der Dichtung eine Eigenheit für sich. Und hier ist die Liebe eben auch mächtig genug, um das Kleine groß erscheinen zu lassen. In der schnöden Wirklichkeit ist das schon anders, wie die neusten Veröffentlichungen zur Wohnungssituation gezeigt haben.

In den einschlägigen Untersuchungen sind die Städte im Ruhrgebiet in vier Gruppen eingeteilt (A, B, C und D). Die Einteilung erfolgt nach verschiedenen Parametern, z.B. dem Mietspiegel und dem Umfeld (ökonomisch, sozial etc.), den Preisen für Mietwohnungen, Eigentumswohnungen und Häusern, der Kaufkraft, der wirtschaftlichen Dynamik.

In Gruppe A liegt Düsseldorf, in B befinden sich Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, in C ist Mülheim zu finden, in Gruppe D schließlich Oberhausen, Herne, Bottrop und Gelsenkirchen. Betrachtet man in diesen Städten die Quadratmeter-Preise für Mietwohnungen (Neuvertragsmieten) und Kauf, ergeben sich deutliche Unterschiede. In Düsseldorf liegen bei Neuvertragsmieten die durchschnittlichen Preise bei 14, 53 EURO pro Quadratmeter, für den Kauf muss man dort durchschnittlich 5308 EURO zahlen (pro Quadratmeter). In Gelsenkirchen liegt der Preis für den Kauf einer Eigentumswohnung bei 1611 EURO. Der Durchschnittspreis für eine Neumiete liegt bei 7,33 EURO, also immerhin rund 50% des Preises in Düsseldorf.

Allen Städten ist gemeinsam, dass seit 2018 (1.Quartal) die Quadratmeter-Preise (Miete und Kauf) in den untersuchten Städten angestiegen sind, in Gelsenkirchen seit dem Vorjahr um rund 3%.

Aus diesen Daten lässt sich gut ableiten, dass die Neuvertragsmieten schon einen hohen Anteil des Einkommens „auffressen“. Und es lässt sich auch daraus ableiten, warum in Gelsenkirchen kaum noch Neubauten entstehen: Für Anleger ist der Neubau eines Wohnhauses kaum noch lukrativ!

Da müsste schon ein Paar wie bei Schiller her.

In einer Hutze wohnen für viel Geld – aber GLÜCKLICH!

Quelle der Daten: WAZ (17.2.2026)

***Rezitation „Der Jüngling am Bache“

FRIEDRICH SCHILLER - DER JÜNGLING AM BACHE

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