Leerstellen zu besetzen

Die Stadt Gelsenkirchen ist größter Arbeitgeber im gleichnamigen Ort und immer auf der Suche nach mehr Personal.

7300 Menschen arbeiten bereits in der Verwaltung und den Eigenbetrieben (Betriebe mit städtischer Beteiligung unter 100% nicht mitgezählt). Gut ein Viertel der Beschäftigten – bzw. Urlaubenden, Erkrankten, Beurlaubten, sich Fortbildenden, in Reha befindlichen, Kurenden oder Freigestellten mit ganzen, halben, dreiviertel, fünfachtel oder zweisiebtel-Stellen – sind Beamtinnen oder Beamte im Innen- und Außendienst, manche davon im Home-Office.

Der Bunte Haufen (Selbstbezeichnung) soll noch bunter und noch größer werden, denn 10% der Planstellen sind derzeit vakant. Sie bilden damit ungeplante Leerstellen, die zu besetzen sind, bevor ab 2027 nur noch Ersatz geplant wird, falls derzeitige Planstellenbesetzerinnen bzw. -besitzerinnen oder Planstellenbesetzer bzw. -besitzer ungeplant final vom Stuhl kippen oder in den geplanten Stand der Ruhe wechseln. Soweit alles klar?

Auf je 36 Einwohnende (früher „Einwohner“, heute nicht mehr) der ungefähr 265.000 im Stadtgebiet Hausenden kommt also eine städtische Dienstleisterin, ein Dienstleister bzw. ein Dienstleistendes, der „bei die Stadt“ beschäftigt ist – so ist es mit ortsüblich grammatischer Unwucht immer wieder im Alltag zu hören.

Der städtische Betreuungsschlüssel von ca. 1 zu 36 entspricht damit zufällig in etwa dem Verhältnis von Lehrkörper und Schülerschaft, der in den 1960ern und 1970ern in Klassenzimmern üblich war, als die Babyboomer dort viel zu kleine Holzstühle täglich „besaßen“ und die Generation X anschließend auf denselben (ja, es waren dieselben) herumkippelte, bis jene unkaputtbaren gegen weniger haltbare Sitzmöbel durch die Obrigkeit ausgetauscht wurden. Die Landesregierung sprach in diesem Zusammenhang damals von einem Konjunkturprogramm und die zukünftigen Tischler verließen voller Vorfreude auf das Arbeitsleben die Volks-, Haupt- und Realschulen mit dem deutlichen Signal: Stühle werden immer gebraucht.

Die Zeiten ändern sich. Seit einigen Jahren gehen als Folge der laufenden Deindustrialisierung Arbeitsplätze in der Produktion und bei gewerblichen Dienstleistungen verloren, denn der Staat nimmt und verhindert, wo er nur kann, um im Gegenzug auf allen Ebenen in Bund, Land und Kommunen immer neue Planstellen zu schaffen, die von verantwortlichen Protagonisten manchmal als staatliches Konjunkturprogramm bezeichnet werden. Die dazu benötigten Stühle werden aus Asien bezogen. Das erheitert, wenn es nicht so traurig wäre.

Sehr traurig macht, dass bei Schulabgängern (mit oder ohne Schulabschluss, sowie jeglichen Geschlechts) ein besorgniserregender Trend zu beobachten ist. Immer mehr streben eine Beschäftigung bei staatlichen Einrichtungen an oder möchten vom Staat zumindest dauerhaft eine monatliche Zahlung erhalten. Wer sich noch an spießige Werbesprüche erinnern kann („Persil – Da weiß man, was man hat – Guten Abend!“), für den klingt das neuerdings progressiv verstandene „Sicher ist sicher“ wie eine Lebensaufgabe (Teekesselchen!).

Gefahren vermeiden, Risiken minimieren, Work-Life-Balance beachten und Klima schützen. Der Staat gilt bei nicht wenigen als letzte Ausfahrt vor der drohenden Verantwortung für das eigene Leben. Woher der Wohlstand kam und jetzt nicht mehr, ist mittlerweile weitgehend unbekannt. Stühle aus heimischer Produktion können es nicht sein.

Die Zeiten ändern sich. Der öffentliche Dienst regt mit aktuellen Warnstreiks zum Mitmachen an, und ein Blick ins Netz zeigt, wen die Stadt Gelsenkirchen dringend sucht. Es müssen zusätzliche Verwaltungsaufgaben erfüllt werden, die eine bürokratieschaffende Gesetzgebung als Suppe angerichtet hat. Das war alternativlos und ist nun irreversibel, wie Regierungschefinnen und Regierungschefs damals verkündeten und heute verkünden. Jetzt wird ausgelöffelt.

Es werden darum dringend gesucht: Messgehilfin bzw. Messgehilfe (w/m/d), Vermessungstechnikerin bzw. Vermessungstechniker (w/m/d), Sozialarbeiterin bzw. Sozialarbeiter (w/m/d), Teamleiterin bzw. Teamleiter (w/m/d), Sachbearbeiterin bzw. Sachbearbeiter (w/m/d), Leiterin bzw. Leiter (w/m/d), Baukontrolleurin bzw. Baukontrolleur (w/m/d), Abteilungsleiterin bzw. Abteilungsleiter (w/m/d), Psychologische Psychotherapeutin bzw. Psychologischer Psychotherapeut (w/m/d) oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (w/m/d).

Ständig neue Undsoweiterinnen bzw. Undsoweiter – jeweils ohne geschlechtliche Präferenz – also (w/m/d) – wobei Frauen bei der Stellenvergabe bevorzugt werden – so verlangt es ein NRW-Gesetz – das findet man im Kleingedruckten – schaut einfach häufiger vorbei, ob etwas für euch dabei ist! Heya!

Gut, man hätte auch nur die Berufs- oder Stellenbezeichnung hinschreiben können, aber das wäre zu übersichtlich, zu klar und zu leicht verständlich geworden, hätte darum möglicherweise verletzende Wirkungen bei Interessentinnen oder Interessenten (w/m/d) ausgelöst und abmahnende Juristen angelockt.

Wir schreiben lieber alles doppelt und dreifach hin. Sicher ist sicher, OK?

https://www.gelsenkirchen.de/de/Rathaus/Karriere/Stellenangebote/

Auffallend häufig werden von den städtischen Recruitern derzeit „Werkstudierende“ gesucht, also Personen, die stets und ständig Werke studieren und allein deshalb unbedingt in den Bunten Haufen hineinspringen sollten. Da Werkstudierende bereits dauerbeschäftigt sind, scheinen sie wenig nützlich zu sein für die Stadt Gelsenkirchen. Wessen Werk sollte bei der Stadt zusätzlich studiert werden? Das Werk des jeweiligen Amtsleiters bzw. der Amtsleiterin oder der/die/ens Amtsleitenden (w/m/d)? Das klingt nach Multitasking und Überforderung, was arbeitsrechtlich bedenklich erscheint.

Übrigens: die deutsche Sprache kennt das Wort „Werkstudierende“ nicht. Die geltenden Gesetze und arbeitsrechtlichen Regelungen verwenden einen extra definierten Begriff, um die besondere Form eines speziellen Arbeitsverhältnisses zu kennzeichnen: „Werkstudent“. Dies ist der Verständlichkeit sehr zuträglich, beugt Missverständnissen vor, sorgt für Rechtssicherheit und ist vollkommen unabhängig von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen der betroffenen Personen und ihrer Selbstwahrnehmung.

Bei dem Wort „Werkstudierende“ handelt es sich um die sichtbare Folge einer fortschreitenden Gedankenlosigkeit, die entsteht, wenn eine sprachlogisch kaputte Theorie in die Amtsstuben einsickert. Wenn der erweckte Amtsschimmel reflexartig sinnfreie Wortneuschöpfungen aus dem Lala-Land übernimmt, zeigen sich bislang unentdeckte Leerstellen, diesmal im Denkapparat der ausführenden Personen. Weder das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache noch der über allen Dingen schwebende Duden führt das Wort „Werkstudierende“ als Teil der deutschen Sprache.

Dies herauszufinden, dauerte knapp eine halbe Minute – oder bedingt zunächst eine neu zu schaffende Planstelle „bei die Stadt“- je nachdem.

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1 comment

Heinz NiskiHeinz Niski says:

Erkennungsmerkmal heutiger Reaktionärer: zerschreddern jegliche sprachliche Ästhetik und Logik mit ihrem Soziolekt aus Glucks- und Glottislauten, gerne passend dazu mit Metall im Gesicht und bunter Körpertapete.
Auf der Straße, im Supermarkt, im Alltagsleben hört man sie nicht. Würden ja auch verlacht werden, dass ihnen ihre Klicklaute im Halse stecken blieben. Schade, dass die Stadt ohne Not bei dieser Verwirrung mitmacht. Aber so ist das wohl, wenn man selbstreferenziell in seiner Blase hockt und nicht merkt, dass die Bürger eine andere Sprache sprechen.
Gibt es eigentlich schon Lehrer-Innen-Verschiedene, die so ihren Unterricht abhalten?

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