Auf dem Basar der Regelverstöße…. oder Isch hab Familie UND Polizei!

In einer lebendigen Demokratie müssen Regeln des Zusammenlebens täglich neu miteinander verhandelt werden.

So auch gestern, als eine junge Dame in schneeweißem Märchenmercedes, Handy am Ohr, elegant einhändig den Behindertenparkplatz vor der Tür ancruiste. Meine Partnerin wies freundlich und höflich (Achtung: KEINE IRONIE!) darauf hin, dass hier recht häufig Knöllchen verteilt würden, es deshalb aus Kostengründen besser wäre, den Platz zu räumen.

Diesen wohl gemeinten Tipp (Achtung: KEINE IRONIE!) verstand die junge, sehr junge Frau, als ungerechtfertigte Einmischung in ihr Privatleben, als Einschränkung ihrer Freiheitsgrade, Untergrabung ihres angewandten Sozialdarwinismus` , denn wenn sie einem Behinderten den Parkplatz weg nähme, hätte der eben Pech im täglichen Lebenskampf gehabt. Immerhin könne er sich ja einen anderen Platz suchen.

Ihre tiefe und feste Überzeugung, den richtigen Standpunkt zu vertreten, unterstrich sie mit immer lauteren Tönen und kräftigen Redewendungen, mit denen sie tatsächliche und potentielle Zweifler ihrer Regelauslegung überflutete. Allmählich kristallisierte sich heraus, dass sie nur Regeln ihrer größeren Familie akzeptierte, weshalb ich ihr anbot, die (Park)Situation zu dokumentieren und die Sache einer überparteilichen Instanz zu übergeben.

Schockiert über meinen vermeintlichen Übergriff in ihr informationelles Selbstbestimmungsrecht, belehrte sie die mittlerweile interessierten Passanten in höchsten Tönen über ihre Rechte an Bild, Ton, Bewegungsfreiheit, blockierte mit ihrem Märchenauto mal die eine Zufahrt, mal die andere Straße, Kreuzung und erklärte mir schließlich, dass sie eine sehr, sehr große Familie hätte und ich mich nicht wundern solle über das, was mit mir bald passieren würde.

Mit dem schrillen Ruf „Isch hol jezz Polizei“ zog sie aber zunächst den Telefonjoker, wählte 110 und erklärte aufgelöst, dass sie als völlig hilfloses Mädchen von 3 Erwachsenen Personen bedrängt und bedroht werden würde, dass sie weder ein noch aus wisse und sofortigen Personenschutz benötige. Außerdem würden diese Menschen sie an atmen und sie wüsste nun nicht, ob sie sich mit einer gefährlichen Krankheit infiziert hätte.

Ich kramte in meinen Erinnerungen, welche der Bringschulden für ein gelingendes Zusammenleben ich vernachlässigt haben könnte, immerhin haben Parteien, Kirchen, Stiftungen, gute Medien und kommunale Dienste, kluge, goldene Regeln erstellt, die mir einen kultursensiblen Umgang mit eigenwilligen Regelinterpretern ermöglichen sollten.

Wahrscheinlich habe ich in letzter Zeit meine interkulturelle Kompetenz nicht ausreichend geschärft, vielleicht Übungen zum Perspektivwechsel schluren lassen, gar Defizite in der Technik der Selbstreflexion? Was wäre, wenn ich hoffnungslos im Strudel eigener Vorurteile und Stereotypen versunken wäre?

Die Dame verhandelte immer noch mit ihrer Polizei und erklärte, dass die sie bedrohenden, bedrängenden, beatmenden Täter fliehen wollten, um sich der ordnenden Hand des Staates zu entziehen, weshalb ein zeitnaher Auftritt eines Blaulicht-Wagen auf der Szenerie nun angebracht wäre.

Ein Beobachter des Geschehens, zufällig pensionierter Polizeibeamter, rief nun auch die Polizei zur Hilfe. Meinen Hinweis, dass die eh nicht kämen, tat er anfangs als Zweckpessimismus ab, kam aber ins nachdenken, als auch auf meinen Anruf bei der Polizei niemand erschien.

Während ich mich nach 45 Minuten unter Flüchen der Dame und angesichts ihres erhobenen Stinkefingers in Richtung Volkshochschule entfernte, dort gibt es klasse Schnellkurse wie man Clan-Bedrohungen vermeidet, wartete der Polizist im Ruhestand weiter geduldig auf einen Streifenwagen.

Irgendwann hatte er das warten satt und fuhr zur Polizeiwache, um dort zu erfahren, dass selbstverständlich ein Streifenwagen an Ort und Stelle war. Was er .. na ja… nicht so recht mit seiner Beobachtung in Einklang bringen konnte. Er erklärte noch, dass ich bedroht worden sei, er bezeugen könne, dass ich mich ruhig, zurückhaltend, nicht provozierend verhalten hätte und er auf jeden Fall dafür als Zeuge zur Verfügung stünde.

Ich werde natürlich keine Anzeige erstatten, habe ich mich doch durch einige Kernaussagen der aktuellen Kommunalwahlkampfprogramme der Parteien überzeugen lassen, dass das Mädchen durch meine jahrzehntelangen Ausgrenzungen, meinen subtilen Rassismus, keine andere Option hat, als die Regeln der Bürgergesellschaft außer Kraft zu setzen.

Oben geschriebenes ist dokumentiert durch Aufnahmen, bestätigt durch Zeugenaussagen. Was die üblichen Verdächtigen natürlich nicht daran hindern wird, Ferndiagnosen über das Fehlverhalten der autochthonen zu liefern, über Bringschulden zu schwadronieren und die hässliche, fremdenfeindliche Fratze des Autors heraus zu meißeln, der mit solchen Beschreibungen die tolle, völkerverständigende Arbeit der Bürger die Emscher runter spült, interkulturelle Freundschaften zerstört.

0 0 Bewertungen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
Meine Daten entsprechend der DSGVO speichern
6 Kommentare
Den.Zitze

Der Autor hat sich hier wohlwollend zu viel Arbeit gemacht. Die korrekte Reaktion auf ein derartig divergentes Verhalten kann nur die Schlüsselgravur eines frei erfundenen, männlichen, eindeutig germanischen Namens in Verbindung mit einem Herz auf der Fahrertür sein. Daran anschließend erfolgt die Übernahme der Tonalität und des Höflichkeitsgrades der Dame und der freundliche aber bestimmende Hinweis ( KEINE IRONIE): „Verpiss dich hier Pocahontas, oder isch erzähle deinen Brüdern, dass du heimlich meinen Nachbarn pimperst!!“ Diese Form der Kommunikation auf „Augenhöhe“ hätte unmittelbar das Vertrauen in die Geborgenheit der eigenen, meist hochakademisch gebildeten (daher das viele Geld für den Märchen Mercedes) hegemonialen, männlichen Verwandtschaft erschüttert und das Rassismus Momentum ad absurdum geführt, schließlich ist für Rassisten die konstruierte Beziehung zwischen der Dame und dem imaginären Nachbarn undenkbar. Wer nun einwerfen möchte, dass man sich so auf die gleiche Stufe stelle, der irrt natürlich nicht. Wer aber glaubt, diesen Menschen mit Aufrichtigkeit und Mitmenschlichkeit begegnen zu können, der darf sich nicht über die Bezeichnung als Narr beschweren. Das ist zu bedauern, aber das ist die Realität auf unseren Straßen 2020.

Jö.Bu.

@Den.Zitze bei euch in Bismarck isset wohl noch „Recht“ preussisch 🤭

Knut

Ein interessantes Video in der Süddeutschen mit dem Titel „Warum Ausländer in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert sind“.
https://www.sueddeutsche.de/politik/auslaender-kriminalitaetsstatistik-ueberrepraesentiert-1.4991142

Knut

Danke für die Antwort. Wir liegen gar nicht so weit auseinander wie du denkst.
Ich komme auch aus einer ich sage mal einfachen Familie, Vater Hilfsarbeiter, Mutter Hausfrau, beide Volksschule bis Klasse 8 (mein Vater nur bis 7, wie ich später herausgefunden habe), zwei ältere Brüder mit Hauptschule Klasse 9 (war damals der Normalzustand für 90 %) und „Lehre“.
Ich bezweifle nur aus eigener Anschauung, dass es in der deutschen Unterschicht wesentlich besser aussieht, außer dass sie keinen weißen Märchenmercedes fahren (schönes Wort, gefällt mir). Vielleicht wäre die Empfehlung oben „Verpiss dich hier Pocahontas, oder isch erzähle deinen Brüdern, dass du heimlich meinen Nachbarn pimperst!!“ tatsächlich die Reaktion gewesen, die funktioniert hätte. 😉
Grüße
Knut

Den.Zitze

Ich bin da sehr sicher 🙂 Und Heinz: Der Grund, warum du dich vor Vertretern von SPD und Grünen überhaupt rechtfertigen musst, ist einer der Haupttreiber des Erfolges der AfD. Es gibt Dinge, die gehören sich einfach nicht, diese Anzusprechen und zu bekämpfen tatsächlich ist die Grundlage für ein ziviles Miteinander. Ich jedenfalls bin da sehr bei Dir.

Nach oben scrollen
6
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x