Aus der besten aller Welten (36)

Die endlose Kette des Traurigen

 

„Die Stadt Gelsenkirchen ist bei nahezu allen gesellschaftlich relevanten Parametern ganz am Ende und hält die Rote Laterne in der Hand.  Zugleich aber ist Schalke einer der größten Fußballvereine der Welt mit über 220000 Mitgliedern – verteilt auf allen Kontinenten. Und der Verein lebt von seiner Geschichte und seiner Gegenwart.

 Und er lebt davon, die Spannung zwischen der Größe des Vereins und der Tristesse der Alltagskultur „Fußball“ auszuhalten!“

 

So habe ich in der Folge 35 dieser Rubrik (nahezu mit Weitblick) den allgegenwärtigen Widerspruch in dieser Stadt beschrieben. Zurücknehmen muss ich von dem Geschriebenen nichts. Aber nicht, weil ich unbedingt Recht haben oder Recht behalten will! Sondern weil die Verhältnisse so sind, wie sie sind!

 

Was ist das Aufflammen der einen oder anderen Kerze der Hoffnung schon gegen die Wucht des Niedergangs, die Unzulänglichkeiten der Verwaltung und der „Vierer-Koalition“, die sich nur deshalb zusammenfinden musste, weil auf anderem Wege keine Möglichkeit der Mehrheitsbildung denkbar oder machbar bar. Jedenfalls deshalb, weil ein Zusammengehen mit den „Schrecklichen“ durch festes Zudrücken der Augen und einen Mangel an Mut unmöglich erschien!

Auf Bundesebene sehen wir, wo eine solche Politik endet: im Chaos einer Regierung, die recht eigentlich keine ist, weil das Scheitern schon vor der Geburt der Koalition eingepreist war und der Kanzler einer Kirmespuppe gleicht, nach der man an der Bude mit Bällen wirft oder die man mit einer Wasserpistole beschießt.

Aber Hauptsache die Brandmauer steht – auch wenn die AfD von Umfrage zu Umfrage an Zustimmung zulegt! Ein Kanzler mit Mumm in den Knochen hätte längst die Waffen gestreckt und sich mit dem Trapattoni-Spruch aus dem Amt entfernt: „Ich habe fertig!“***

 

Aber kommen wir zurück nach Gelsenkirchen! Gestern haben in der ARENA vor über 62000 Menschen im Stadion und vor Millionen an den Fernseh- und Rundfunkgeräten die Schalker die Meisterschale der 2. Bundesliga in den Himmel gereckt! Und heute – ein paar Stunden später – meldet die Lokalzeitung auf Seite 1 als „Aufmacher“:

 

Säuglingssterblichkeit fast doppelt so hoch wie im NRW-Schnitt.

Diese Meldung ist nicht mit Häme verbunden oder mit Vorwürfen. Sie wird eher noch verschärft durch die Passage im Artikel, in der heißt, Gelsenkirchen „versucht schon länger gegenzusteuern“. Und weiter lautet es, Gelsenkirchen habe sich als „Stillfreundliche Kommune“ zertifizieren lassen.

Marcus Lutz, Chef der Geburtsstation im Marienhospital in Gelsenkirchen, stellte laut WAZ bereits 2022 fest:

Sowohl im Jahr 2020 als auch 20 Jahre zuvor waren „bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben”, häufigste Todesursache der im ersten Lebensjahr gestorbenen Kinder. Gemeint sind damit „Frühgeburten an der Grenze zur Lebensfähigkeit ab der 23. Schwangerschaftswoche“, wie Marcus Lutz erklärt: 2020 waren sie in 51,4 Prozent dieser Todesfälle von Säuglingen ursächlich (2000: 45,5 Prozent). Zweithäufigste Todesursache waren mit einem Anteil von 32,6 Prozent angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (2000: 26,5 Prozent).“ (WAZ, Lokalteil GE, 14.7.2022) Lutz stellte in diesem Zusammenhang einen deutlich erkennbaren „Geburtstourismus“ vor allem bei (sehr jungen) Müttern der Zuwanderer aus Süd-Ost-Europa fest. Weitere Faktoren sind die durchaus verbreitete Armut, Unkenntnis über Schwangerschaft und Geburt und mangelhafte Vorsorge. Auch die Unkenntnis über die Pflege der früh Geborenen, ein Mangel an Hygiene und die Lebensumstände der Mütter und Kinder spielen eine bedeutende Rolle.

 

Und so liegen in Gelsenkirchen überschwängliche und berechtigte Freude über den Aufstieg der Gelsenkirchener Vereinsfamilie und die ebenso berechtigte Verzweiflung über den Tod zahlreicher kleiner Kinder ganz eng beieinander.

 

*** https://www.youtube.com/watch?v=ub1zsUD7UNQ (Rede des ehemaligen Bayern-Trainers)

 

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