Aus der besten aller Welten (40)

EIN BILD SAGT MEHR ALS 1000 WORTE

 Nein, es geht hier nicht um das Bild auf Seite 1 des Gelsenkirchener Lokalteils der WAZ, das den CDU-Wahlverlierer Sven Schulze zeigt, der dem Wahlgewinner Ulrich Siegmund zum Erfolg bei der Wahl in Sachsen-Anhalt gratuliert. Der Artikel hat die Überschrift „Der AfD-Erfolg ist ´beschämend`“, was allerdings die im Text zitierte Äußerung von CDU-Häuptling Hobie Fischbach nicht ganz korrekt wiedergibt. Im Artikel wird er anders zitiert: „(…) und ganz persönlich gesprochen, beschämt es mich eine Partei mit solchen Positionen in einem deutschen Bundesland mit einem derartigen Ergebnis zu sehen.“ Hier spricht er also davon, dass er sich selbst schämt für das Ergebnis der AfD – eine leichte, aber nicht unbedeutende Akzentverschiebung!

Gemeint ist auch nicht der zweite Artikel auf Seite 1 der Lokalausgabe mit der Überschrift „Rassistische Schmierereien an Moschee und anderen Häusern“. Der Artikel berichtet über Schmierereien an der Tugra Moschee und benachbarten Häusern mit rassistischen und rechtsextremen Inhalten und zeigt einen Ausschnitt der Moschee samt einem Prediger.

Ebenfalls ist ein Artikel des Sportteils nicht gemeint. Die Überschrift lautet „Die Schlange taucht wieder auf“. Der Artikel zeigt allerdings keine Schlange, sondern anlässlich des ersten Champion-League-Spiels der Schwarz-Gelben aus der verbotenen Stadt den Fußballspieler Nicolas Pépé.

Jetzt aber zurück zur Überschrift dieses Beitrags der heutigen HerrKules-Ausgabe. Die zitierte Redewendung geht zurück auf den US-amerikanischen Werber Fred R. Barnard, der in einer Fachzeitschrift der Werbebranche („Printers´ Ink“) am 8.12.1921 eine Anzeige veröffentlicht hat mit dem Slogan „One Look  Is Worth a Thousend Words.“ Barnard hat diesen Satz – aus rein werbetechnischen Gründen – einem angeblichen japanischen Philosophen –  zugeschrieben und die Phrase als Werbemittel auf Straßenbahnen eingesetzt. 1927 hat Barnard den Werbespruch (leicht verändert) noch einmal verwendet.

Nun geht unsere Überschrift davon aus, dass es einen Widerspruch zwischen Bild und Text gibt. Wenn das der Fall ist, nennt man die Beziehung zwischen Bild und Textebene „kontrapunktisch“ oder spricht von einem Widerspruch auf der Ebene der Bild-Text-Interdependenz. Wenn sich die Informationen auf der Bildebene und der Textebene widersprechen und einen Gegensatz bilden, spricht man von einem polyphonen Zusammenspiel.

Für ein solches „Zusammenspiel“ finden wir ein schönes Beispiel auf der heutigen Seite 1 der WAZ im Mantelteil. Das Bild (ein Foto) ist überwiegend in dunklen Farben gehalten: dunkler (fast schwarzer) Hintergrund, dunkler (dunkelblauer) Anzug des Kanzlers. Betont wird durch eine Aufhellung: das weiße Hemd, die hellblaue Krawatte, das hell abgesetzte, leicht nach rechts unten geneigt Gesicht des Kanzlers, wobei die Brille noch einmal einen dunklen Akzent setzt. Das Bild wird dominiert durch die dunkle Tönung, der Kanzler erweckt den Eindruck einer Leidensfigur. Er trägt die (nicht erwartete) Wahlschlappe auf seinen Schultern. Das Wahlergebnis macht ihn zu einem Schmerzensmann. Die Haltung des Kanzlers ist nicht straff-gespannt, optimistisch oder sogar zukunftssicher, sondern erinnert eher an einen tief Erschütterten, eine schwer getroffene Gestalt aus dem Reigen der alt-testamentarischen Leidensmänner.

Das Foto bildet mit dem dazugehörenden Text eine Einheit. Ist die Bild-Darstellung aber eher von Pessimismus und Niedergeschlagenheit geprägt, spricht der Text (besonders in seiner Überschrift) noch von einem gewissen trotzigen Optimismus:

„Merz denkt nicht ans Aufgeben

Nach Wahldebakel der CDU in Sachsen-Anhalt: Kanzler will an Reformkurs festhalten“.

Merz führt aus, er sei für vier Jahre gewählt worden und wolle diese Zeit auch durchstehen. Ganz zaghaft spricht er von seiner Verantwortung – allerdings führt er einen Teil seiner Unbeliebtheit darauf zurück, dass das Volk ihn nicht verstehe oder nicht verstehen wolle. Kein Wort über gebrochene Versprechen, kein Wort darüber, dass die Wahl eben auch nur eine Wahl auf Zeit ist, kein Wort darüber, was sich in der nächsten Zeit ins Gute wenden soll.

Merz stellt sich in der Bild-Text-Kombination als der dar, der er ist:

Ein Mann falscher Versprechungen, ein Mann ohne Fähigkeit zur aufrichtigen Selbstkritik, ein Pinocchio geliehener Macht.

In ein paar Wochen kommen bereits die nächsten Wahlen!

 

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1 Kommentar
Ali-Emilia Podstawa

Der Kanzler ist auf einem Reformkurs und will daran festhalten? Müsste es nicht eher heißen, der Kanzler klammere sich an die Behauptung, er sei auf einem Reformkurs?

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