Das Henze-Emmerich-Stechen

„Der Ausgang der Wahl ist klar. Wer in der Stadtgesellschaft nicht zur persona non grata werden will, bekennt öffentlich, dass er selbstverständlich die Demokratie, also Frau Henze (SPD) wählen wird.“
Heinz Niski, Handwerker im Ruhestand

Warum alle Gelsenkirchener Parteien dennoch Wahlempfehlungen für die 2. Runde der Oberbürgermeisterwahl abgeben, ist auch klar. Die allermeisten Parteifunktionäre halten ihre Wähler für stark betreuungsbedürftige und weitgehend unmündige Einfaltspinsel, die jedem dahergelaufenen Schwachkopf ihre Stimme geben würden, nur weil er die Haare schön verwuschelt hat oder die Mediendesignerin des Wahlplakats eine Photoshop-Künstlerin war. Also müssen die Parteispitzen Orientierung geben und bei der SPD ist man sehr froh, dass bei der Stichwahl auf jeden Fall ihr Logo sichtbar ist.

Deshalb ruft die SPD ihren „Wähler*innen“ zu: „Anpacken. Aufsteigen.“ Der frischgebackenen Genossin Andrea Henze – von der taz als „Verwaltungswissenschaftlerin“ vorgestellt – soll der Aufstieg in die Chefetage des Hans-Sachs-Hauses gelingen.

Die Chancen dazu stehen sehr gut. Der einzig verbliebene Gegner ist ein alter, sehr weißer Mann – ein Pyromane, den man einmauern müsse – so oder so ähnlich heißt es immer wieder. Norbert Emmerich wird als OB-Kandidat weiterhin gemieden wie die Emscher-Typhusepidemie im Jahr 1901, kurz nach seiner Geburt.

Aber nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, denn nach den sonntäglichen Schockerlebnissen hat sich die SPD wieder gefangen und spricht davon, sie sei auf jeden Fall die stärkste Partei im Rat bei Sitzgleichheit mit der AfD. Schnell noch den lästigen Verwaltungsakt dieser Zettelschlacht hinter sich bringen, dann kann man durchatmen bis zur Verhandlung der ganz großen Koalition.

Bedeutet: Nur ankreuzen und sonst erstmal nichts anpacken.


Die CDU hat ihre Kandidatin Laura Rosen nicht in die Schlussrunde bringen können. Die Luft war bereits am Wahltag raus, noch ehe das Rennen begonnen hatte. Sie ruft dazu auf, ein klares Zeichen zu setzen „um die positive Gestaltung unserer Heimatstadt auch in Zukunft zu sichern“. Ansonsten ist man sich darin einig, nicht einig zu sein, wie es mit ihr weitergehen soll, also mit der CDU und mit der Kandidatin.

Bedeutet: Bitte nicht herumschmieren beim Kreuzchen machen und wählt die andere da – ja, die Andrea. Macht es einfach und redet nicht darüber.


Die FDP hat Ruhe und will ihre Ruhe haben. Niemand käme auf den Gedanken, sie in ihrer Ruhe zu stören. Sie ruht fest und flüstert kaum vernehmbar: „Unsere Stadt darf nicht zum Symbol für Protest werden.“

Bedeutet: Kreuzchen bei ‚Du-weist-schon-bei-der‘.


Die Grünen in Gelsenkirchen hatten schon vor der Wahl kein Personal für die Stelle – und brauchen nun noch weniger Personal für den Rat. Vorbildliches Degrowth, wie die Bücher der Heiligen Ulrike Herrmann es fordern. Eine OB:IN braucht man trotzdem, also schreiben sie wörtlich: „LASST UNS MACHER:INNEN SEIN!“

Bedeutet: Wir backen uns unsere OB:IN bei der anderen mit.


„Tierschutz hier!“ fand „die Zusammenarbeit mit der SPD bislang tierisch gut“.

Bedeutet: Welge, ähh, Henze! Kommst du wohl hierher! Ja, braaav hast du das gemacht, du bist ja soooo eine Liebe…


Der Hundewollepulloverträger von Die Linken sagt: „Henze statt Hetze“.

Bedeutet: Bitte keine Eile beim Kreuzchen machen.


WIN, Wum und Wendelin meinen: „Dat machen wa!“

Bedeutet: Ja was wohl?


GUT ruft demnächst zur Wahl auf. Mehr ist noch nicht bekannt.

Bedeutet: inşallah


Die (Lustig-) Partei „stellt Henze über Emmerich“.

Bedeutet: Das war er schon, der Witz.


Das BSW bettelt: „Unterstützen Sie mit Ihrer Plakatspende den Wahlkampf des Bündnisses Sahra Wagenknecht in NRW! Der Preis für ein Plakat beginnt schon bei ca. 130 Euro je Dekade (10–11 Tage). Wir zählen auf Sie!“

Bedeutet: Wir brauchen keine Oberbürgermeister. Wir brauchen Geld.


Die Horstirren schreiben: „Wir [sehen] es als unsere historische Verpflichtung an, heute, wo wir es mit einer akuten faschistischen Gefahr zu tun haben, die Einheit von Sozialdemokraten und Kommunisten im antifaschistischen Kampf zu schmieden.“

Bedeutet: Noch kann sich die SPD freiwillig der MLPD anschließen, bevor zusammengeschmiedet wird, was glühend rot auf dem Amboss liegt.


Das Motto der AfD vor der OB-Wahl lautete möglicherweise: Wir werden zwar nicht ankommen, aber wir werden es weit bringen. Der Kandidat Norbert Emmerich ist jedenfalls hocherfreut und überrascht, in der Stichwahl zu sein. Das Selbstvertrauen ist groß. Die AfD hat sich deshalb eindeutig gegen die Wahl der Sozialdezernentin zur neuen Oberbürgermeisterin ausgesprochen. Sie wählen ihren Kandidaten und hoffen auf Stimmen von CDU- und FDP-Wählern. Warum auch immer. Die neuen AfD-Stadträte denken noch heute sehr gerne an die Bekanntgabe der ersten Ergebnisse der Ratswahl und ihre Gefühle beim Betrachten der Säulen und Tortendiagramme zurück.

Bedeutet: Wir haben es nicht weit genug gebracht, aber wir sind oft gekommen.


Anmerkung: Alle Texte in „“ sind tatsächliche Zitate aus diversen Partei-Webseiten und Pressepublikationen.

 

 

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