Mit freundlicher Genehmigung unseres Gastautors Harry Heine
Ein neues Stück aus dem deutschen Lustspiel – genannt: Politik. Da sitzen sie, unsere Stadtväter (und jene, die es gern wären), und haben ein Problem entdeckt, das so alt ist wie der erste Automobil-Sarg, der auf öffentlichem Grund sein metallenes Haupt zum ewigen Schlafe neigte.
Fünfzehn Jahre lang schlummerte der Gedanke in den Archiven der SPD, sanft umsäuselt vom Wind des Nichtstuns. Doch nun – o Wunder der Wahlstatistik! – nun, da die Wähler davoneilen wie die Ratten vom sinkenden Schiffe, erwacht plötzlich der Herr Fraktionsvorsitzende Dominic Schneider aus seinem bürgerlichen Dornröschenschlaf und verkündet: „Fort mit diesen rostenden Untieren! Sie sollen uns nicht länger die edlen Parkplätze verunstalten!“
Man muss es bewundern: Die Tatkraft, die aus der Verzweiflung sprießt, ist eine deutsche Urpflanze. Aber halt! Schon erheben sich die wahren Verteidiger der Menschlichkeit und des Fortschritts, die ich hier, als bescheidener Chronist, zu Gehör bringen muss.
Erstens, und dies ist das feinste Argument: Die Maßnahme ist ein schändlicher Akt des Antiziganismus! Denn wer fährt, handelt und tauscht mit diesen Vehikeln, die der Deutsche abschätzig „Schrott“ nennt? Es sind die klugen Söhne Rumäniens und Bulgariens, die in jedem rostigen Chassis eine Goldader, in jedem defekten Vergaser eine Zukunft sehen! Ihnen will man das Geschäftsmodell nehmen – die Freiheit, auf drei Quadratmetern Asphalt eine europäische Handelsrepublik zu errichten! Man entrechtet sie, man behindert ihre mobile Gewerbefreiheit. Das ist nicht Parkraumbewirtschaftung, das ist kulturelle Säuberung!
Zweitens – und hier schlägt das Herz des Liberalen blutend in meiner Brust – ist es blanker Antikapitalismus! Jedes Auto, ob fahrbereit oder nicht, ist Privateigentum, heilig und unantastbar. Es ist ein Produktionsmittel! In seiner Kofferraumlogistik, in seiner Sitzpolster-Lagerhaltung liegt der Keim künftigen Wohlstands. Wer es wegnimmt, erstickt den Unternehmergeist im Keime. Der Bürger soll gefälligst sein Eigentum auf öffentlichem Grund lassen dürfen, solange es ihm beliebt – was sind wir sonst? Kommunisten?
Drittens spottet diese Forderung jeder Nachhaltigkeit! Welch ein Ressourcenverschleiß, diese Autos zu verschrotten! Lasst sie stehen, bis sie von alleine zu Humus werden! Das Abschleppen verbraucht Diesel, das Lagern kostet Energie. Der ökologischste Wagen ist der, der wurzelt, moosbedeckt, ein Biotop für Insekten wird. Die SPD, einst Vorreiter des Fortschritts, will unsere Kinder um ihre rostigen Spielplätze betrügen!
Viertens – ein verkehrstechnischer Geniestreich, den nur der Ignorant übersieht! Diese strategisch platzierten Blechbarrikaden verengen die Fahrbahnen. Sie sind die stillen Helden der Verkehrssicherheit. Wer kann schon rasen, wenn ihm ein Mercedes-Benz SL der Baureihe R129 aus dem Jahre 1989 wie eine Burg den Weg versperrt? Sie sind die uneigennützigen, kostenlosen Tempobremsen der Nation! Weg damit, und die Raserei bricht los!
Fünftens – die soziale Komponente! Diese Autos sind die Salons der neuen Zeit! An ihrer Motorhaube wird verhandelt, in ihrem Schatten Freundschaft geschlossen. Sie sind der Marktplatz der kleinen Leute, der Kitt der Integration. Man tauscht Kühlerfiguren und Lebensgeschichten. Die SPD will diese zarten Bande zerschneiden? Sie schafft Unfrieden und vereinsamt unsere Bürger!
Und sechstens – das historische Vorbild! Erinnern wir uns: Die Grünen, jene praktischen Moralisten, schufen mit dem Flaschenpfand ein ganz neues Altersvorsorgesystem für Rentner. Die SPD hat nun die Chance, ihr eigenes, soziales Markenzeichen zu prägen: „Wirtschaftsfreundlich und sozial durch Straßenhandel“! Lasst die Autos stehen als wandelnde Werkstätten und Warenlager! Es ist die Würde des kleinen Mannes, die auf dem Ersatzreifen thront!
So stehen die Dinge.
Der Herr Schneider, in seinem Eifer, endlich einmal zu handeln, ahnt nicht, welch kulturelles, ökonomisches und soziales Monument er einzureißen gedenkt.
Vielleicht sollte man ihm raten:
Lass die Rosse stehen, lieber Dominic! Sie sind das Denkmal einer Zeit, in der deine Partei noch Ideen hatte, die länger hielten als ein Wahlzyklus – und die nun, wie die alten Autos, vor sich hin rosten und auf bessere Tage warten.



