Friedenserleichterung – oder: ein ganz normaler Tag

Ein ganz normaler Tag

Wecker, 6.30 Uhr.

Früher klingelte er. Heute vollführt er eine tagesstrukturierende Aktivierungsmaßnahme.

Im Bad unterzog ich mich einer körperhygienischen Selbstoptimierung. Das Wasser war lauwarm – eine temperaturbezogene Versorgungsanpassung.

Aus dem Radio dudelten die Nachrichten:

„Die Bundesregierung hat ein umfangreiches Paket zur Haushaltskonsolidierung beschlossen.“

Aha. Es wird gespart, und zwar bei den anderen.

„Im sozialen Bereich sollen Effizienzpotenziale gehoben werden.“

Also weniger Geld für Pflege, Familien und Arbeitslose. Wobei es Arbeitslose schon lange nicht mehr gibt. Es gibt nur noch Menschen in Beschäftigungsübergängen.

„Außerdem“, fuhr das Radio fort, „wird der Arbeitsmarkt weiter flexibilisiert.“

Der Markt ist so frei, dass er diesen und jenen freisetzt.

Der Wetterbericht meldete eine dynamische Niederschlagslage. Regen? Schnee? Fliegende Hunde? Die Temperaturen sollten jedenfalls eine thermische Belastung darstellen.

24 Grad und Regen.

„Das Klima spielt verrückt“, sagte die beste aller Frauen und sah aus dem Fenster.

Ich korrigierte sie:

„Das heißt jetzt Klimaanpassungsbedarf.“

Im Treppenhaus hing ein Schreiben der Hausverwaltung. Wegen einer bevorstehenden Objekträumung werde um Verständnis gebeten.

Frau Kowalski aus dem dritten Stock war 78 Jahre alt und konnte die neue Miete nicht bezahlen.

Ihre Wohnung wurde also von ihr befreit.

An der Bushaltestelle zeigte die Anzeige:

Fahrplanabweichung aufgrund betrieblicher Herausforderungen.

Der Bus kam zu spät.

Der Fahrer erklärte lapidar, es handle sich um eine temporär verdichtete Beförderungssituation.

Der Bus war voll.

So voll, dass der Mann neben mir seinen Rucksack auf dem Kopf eines anderen Fahrgasts abstellte. Wir alle waren Teil einer gemeinschaftlichen Mobilitätslösung.

Ich arbeite im Rathaus, im Bürgerservice Rückkehrmanagement. Früher hieß das Ausländeramt.

Mein erster Kunde war ein Mann aus Afghanistan. Sein Antrag war abgelehnt worden.

„Sie müssen Deutschland verlassen“, sagte ich.

„Sie schicken mich weg“, sagte er.

„Nein“, erwiderte ich. „Es geht um die Durchführung einer aufenthaltsbeendenden Maßnahme unter Berücksichtigung humanitärer Gesichtspunkte.“

Er sah mich an. Offenbar war er mit der deutschen Verwaltungssprache noch nicht vertraut.

Danach folgte eine Dienstbesprechung. Die Amtsleiterin kündigte eine strukturelle Neuausrichtung an.

„Einige Stellen werden wegfallen. Die Beschäftigten werden personell angepasst.“

Niemand wurde entlassen. Man wurde freigesetzt, verschlankt, neu ausgerichtet oder in einen Beschäftigungsübergang überführt.

Nur die Miete blieb völlig unflexibel.

In der Kantine gab es klimaoptimiertes Linsenragout und regional adaptierte Geflügelkomponenten. Ich nahm Currywurst. Sie hieß jetzt würzige Bratkomposition und kostete 6,80 Euro.

Neben mir las meine Kollegin die Nachrichten auf ihrem Telefon.

„Die Europäische Union“, sagte sie, „will eine Krisenregion durch ein neues Instrument stabilisieren.“

„Womit?“

„Mit Sicherheitsunterstützung, Kapazitätsaufbau und defensiven Fähigkeiten.“

„Also mit Waffen?“

„Das ist nicht gesagt.“

„Was ist denn eine defensive Fähigkeit?“

„Eine Waffe, die politisch korrekt beschrieben wird.“

Am Nachmittag bearbeitete ich weitere Fälle. Ein obdachloser Mann wurde im System als Wohnungsnotfall geführt. Eine pflegebedürftige Frau hatte besonderen Unterstützungsbedarf. Ein Schüler, der die Schule abgebrochen hatte, galt als bildungsfern.

Die Sprache hatte für alles einen Namen gefunden.

Nur für die Verantwortung nicht.

Um 16.30 Uhr begann der Übergang in die Phase selbstbestimmter Regeneration.

Früher sagte man: Feierabend.

Auf dem Weg nach Hause hing über dem Rathausplatz ein Schild:

Smart City – sicher, nachhaltig, lebenswert.

Eine Drohne kreiste darüber. Meine Bewegungsdaten wurden im Rahmen einer präventiven Sicherheitsmaßnahme erfasst.

Zu Hause schaltete ich den Fernseher ein. Der Nachrichtensprecher berichtete von einem Luftangriff. Mehrere Gebäude seien zerstört worden, zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.

Das Verteidigungsministerium prüfe Berichte über Kollateralschäden.

Kollateralschäden. Das klingt nach einer beschädigten Gartenliege, nicht nach einem zerstörten Haus. Die Toten sind nicht tot. Sie befinden sich offenbar in einem Zustand kollateraler Endgültigkeit.

Dann kam die wichtigste Meldung des Tages.

„Die Europäische Union“, sagte der Sprecher, „hat die Ausweitung der Europäischen Friedensfazilität beschlossen.“

Ich wartete auf die Erklärung.

„Die Friedensfazilität ermöglicht die Finanzierung von Ausbildung, Ausrüstung, logistischer Unterstützung und militärischen Fähigkeiten für Partnerstaaten.“

„Was für militärische Fähigkeiten?“, fragte die beste aller Frauen.

„Das Übliche“, sagte ich. „Ausbildung, Ausrüstung, Logistik – und vermutlich Dinge, die man früher Waffen nannte.“

Der Sprecher lächelte und erklärte:

„Frieden muss handlungsfähig sein.“

Ich dachte an die Haushaltskonsolidierung, die Freisetzung, die Objekträumung, die aufenthaltsbeendende Maßnahme, die Sicherheitsarchitektur, die Kollateralschäden und schließlich an die Friedensfazilität.

Euphemismen sind Möbelstücke der politischen Einrichtung. Sie stehen mitten im Raum, nehmen viel Platz ein und tun so, als wären sie nicht da.

Ich ging ins Bett.

Morgen werde ich geweckt, um meine tagesstrukturierende Aktivierungsphase fortzusetzen.

Und wenn alles planmäßig verläuft, wird irgendwo inzwischen der Frieden weiter aufgerüstet.

 

 

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Bernd Matzkowski

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