Heute ´mal mit dem Antisemitismus
Passt die Gemeinde hinein?
Kommt ein Besucher in die Synagoge und sagt: „Die ist aber klein, da geht doch niemals die ganze Gemeinde hinein!“
Antwortet der Schammes: „Wenn die ganze Gemeinde hinein geht, dann geht die ganze Gemeinde natürlich nicht hinein, da aber nie die ganze Gemeinde hinein geht, geht die ganze Gemeinde hinein!“.
Nur zum Verständnis: Der Schammes, der hier im Witz der jüdischen Gemeinde Hechingen erwähnt wird, ist der unterste Diener in einer jüdischen Synagoge. Aber selbst diese kleine Geschichte macht schon einiges klar, was jüdische Menschen auszeichnet: Sprachwitz, hier als Beispiel das Hineingehen und das Hineinpassen in die Synagoge, gepaart mit Ironie und Selbstironie. Und natürlich auch der spöttische Unterton – hier gegenüber der Gemeinde, dem Glauben und der Frage des Besuchers zur Größe der Gemeinde und der Synagoge. Für die zweite Bedeutungsebene, das Erscheinen der Gemeindemitglieder zum Gottesdienst und damit der Tiefe ihres Glaubens, muss man natürlich um die Ecke denken (der Hinweis des Schammes, dass nie die gesamte Gemeinde zum Gottesdienst erscheint).
Für jüdisches Denken, wenn wir es einmal so nennen wollen oder sollen, ist die kleine Geschichte nicht unwesentlich. Anders als im christlichen Glauben oder bei den Moslems gibt es im jüdischen Glauben keine Zentralinstanz, die den Juden auf der Welt verkündet, was und wie sie zu glauben haben. Die Interpretation der Glaubensdokumente erfolgt sozusagen dialogisch. Wo es niemanden gibt, der den Gemeindemitgliedern sagt, was „Sache ist“, muss die „Sache“ eben verhandelt werden, also immer wieder neue interpretiert werden. Die Regeln des Glaubens müssen also angepasst werden. Man könnte auch sagen: reformiert werden! Aus dieser Perspektive gesehen, war Jesus ein Reformer des alten Glaubens, für dessen Auslegungen es die Schriftgelehrten gab, denen Jesus aber ihre Glaubensgrundsätze und damit ihre Position streitig machte.
Es ist nicht zufällig so, dass im Neuen Testament Jesus als Deuter der alten Glaubenssätze auftritt und sie sozusagen in die „Moderne“ führt. Er wird zum Lehrer seiner Jünger und macht in vielen Episoden seine Neudeutung der „alten Texte“ und Regeln deutlich. Dabei bleibt er mit seinen Aussagen und (An-)Sprüchen aber im Bezirk derjenigen, die nur in Machtkategorien denken und die an dem verstockten Verständnis der „Altvorderen“ festhalten.
Die Vertreter der „alten Glaubensschulen“, die Schriftgelehrten und Pharisäer, verstehen den neuen Denkansatz von Jesus nicht, lehnen ihn ab und sehen ihre Macht und ihren Einfluss bedroht. Deswegen sind sie auch diejenigen, die seinen Tod am lautesten fordern! Und Pilatus wird zu ihrem willigen Vollstrecker, der die Entscheidung in einem pseudo-demokratischen Akt an das Volk gibt.
Der Antisemitismus, der uns, vor allem aber den Juden selbst begegnet, ist in ganzen Bibliotheken erklärt, entschlüsselt und interpretiert worden. Er ist nicht mehr nur geknüpft an Männer und Frauen mit dem Hakenkreuz, er hat ganz unterschiedliche Gesichter: Er tritt als Kritik an den (politischen) Positionen Israels auf, er ist teilweise in mittelalterlich anmutenden Vorurteilen befangen, er steckt stiefelschaft-hoch in einem kruden Biologismus. Er speist sich aus kulturellen Vorurteilen. Und auch Neid spielt eine Rolle!
Und nicht zuletzt: Man mag Kritik an der Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung üben; aber diese Kritik an ein über die Jahrhunderte gepflegtes Bild vom jüdischen „Untermenschen“ zu knüpfen, ist politisch erbärmlich!
Die neusten Zahlen sprechen eine klare, eindeutige und zugleich erschreckende Sprache: Die antijüdischen Vorfälle haben einen neuen Höchststand erreicht und sind mit 8727 Fällen in 2025 noch einmal gegenüber 8713 Fällen im Vorjahr gestiegen!
Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat angesichts dieser Zahlen davor gewarnt, dass wir uns an den „Hass auf Juden“ gewöhnen!


