Kommunalwahl25
Merkwürdigerweise wurde ich von einem Fachmagazin für Pessimismus, das seine Kernkompetenz in der Forderung nach Ausmisten von Augiasställen und Köpfen von Hydras sieht, um eine Äußerung zu Wahlen und Stechen in GE angefragt, als hätte ich irgendeine Zuständigkeit in Sachen Pessimismus und Untergangsgewissheit. Habe ich nicht! Ich bin vielmehr ein notorischer Optimist, der das Zitat von Götz von Berlichingen ‚wo viel Licht ist, ist viel Schatten‘ auch andersherum zu lesen weiß. Wenn also Schatten die Gefühle ergreift und das Denken blockiert, beginne ich meine Ausschau nach dem Licht.
Die Lanzen fällen, Spieß voran – drauf und dran, und so weiter, Stechen, ein phallisches Wortgetüm für einen demokratischen Vorgang. Woher eigentlich diese Bezeichnung? Vielleicht vom Skat und anderen männerdominierten Sportarten.
Es kommt also zu einem Stechen in GE: blau und rot statt rot und schwarz werden sich duellieren, und wer den anderen vom Pferd sticht, darf diese Stadt regieren. Ich schaue gespannt zu, habe meine Wahl schon getroffen.
Aber ich fiebere nicht mit, habe weder Angst vor einem rechtsradikalen Gleitflug in die Hölle noch vor einem Ersticken im muffigen ‚Weiter so!‘
Denn ich sehe so wie so schwarz, glaube weder dem einen noch dem anderen Ritter dieses Duells, dass er den Willen hat oder die Macht erringen könnte, das Ruder in dieser armen Stadt ‚herumzureißen‘, wirklich ein Licht anzuzünden, dass Müll von den Bürgersteigen verschwinde, Sozialbetrug aufhöre, echte Transparenz in Verwaltung und Diensten einziehe, wirksame Kontrolle über Schrottimmobilien und Schrottautos zu einer neuen Ordentlichkeit führe…
Auch nicht, dass er nennenswerte Fortschritte für die notleidende soziale Gerechtigkeit, Heimat für die anwachsende Zahl von Obdachlosen oder Freundlichkeit als Grundmotiv für bürgernahe Verwaltung herstellen könne.
Nein, das Licht hat andere Quellen als Stimmzettel und Punkte im politischen Parolenboxen.
Wenn ein schwarzkonservativer queerer Politiker (in Berlin) öffentlich davon spricht, dass in diesem Land das Geld falsch verteilt wird – und er meinte tatsächlich den eigentlichen gesellschaftlichen Skandal der Umverteilung nach oben – dann scheint doch eine neue Einsicht wie ein fernes Licht aufzuglimmen, dass diese tiefe Dunkelheit vermeidbar wäre, oder zumindest Bedarf an Überlegungen besteht, wie sie vermieden werden könnte.
Aber natürlich kann dies nicht durch neue Akzente im Rahmen eines ziemlich maroden allgemein anerkannten Denkens geschehen, welches einlädt, Erkenntnis, Wahrheit, Sinn als Aufgabe an Profis, Wissenschaftler, Journalisten, Influencer oder ähnliche Meinungsbildner zu delegieren.
Das Licht kommt auch nicht aus spektakulären Quellen wie Flutlicht im Stadion, sondern setzt sich aus vielen einzelnen Lichtern zusammen: Wer Augen hat zu sehen, der kann sehen eine große Hilfsbereitschaft vieler Menschen, eine große Geduld im Ertragen und Gestalten von Armut, Ideenreichtum in Kunst und Kultur mit vielen Keimen neuer Offenheit, Ökologischen Bewusstseins, Distanz zu einengendem Traditionalismus im Denken, auch in der Wahrnehmung von spirituellen oder atheistischen Weltbildern. Und – das ist mir das Entscheidende – es entsteht ein breites Bewusstsein für die Bedeutung geistiger Kräfte in der Lebensgestaltung, in der Beteiligung an Gesellschaft und Kultur, in der Entwicklung einer menschlichen Zukunft. Der tiefe Kern dieser Entwicklung ist ein christlicher (nicht kirchlicher) Gedanke: Dass nicht das eigene Wohlergehen das oberste Prinzip sein kann, sondern das gemeinsame; und dieser Gedanke wird, je länger die Absurdität und Destruktivität des egoistischen Partikularismus erkennbar wird, ein kosmopolitischer werden. Da der Kern dieses Kosmopolitismus der Wille zur Liebe ist, braucht die notabene egoistische Gegenkraft deren Gegenteil, den Hass. Diesen kann man gut beobachten, wenn man sich mit der Dunkelheit bevorzugt beschäftigt, und er kann einen ja nicht kalt lassen. Aber ‚der Hass auf den Hass verzerrt unsere Gesichter‘ frei nach Brecht. Vielleicht sind die hater nicht die Täter, sondern Opfer des Hasses, der wie ein dunkler Geist unsere Seelen verdunkeln will. Ein anthroposophischer Kinderbuchautor hat eindrucksvoll das Tal der Dämmerung beschrieben, in welchem die einander gegenüberliegenden Gebirge ein verstärkendes Echo auf jeden Lärm bilden, und so wird das Echo immer lauter, bis die Berge zusammenstürzen. Ich lese das als ein Bild für Hass und Vorwurf. (Michael Ende)
In der Psychotherapie weiß man: es verbirgt sich hinter einer starken Abwehr ein großes und unerträgliches seelisches Problem. Ich bin dafür, Abwehr nicht zu geißeln, sondern als – vorläufig – notwendigen Schutz hinzunehmen, die Selbstheilung des Ich zu unterstützen, damit das Denken eine Chance gegen ängstliche oder sonstwie negative Gefühle bekommt. Ich gehe davon aus, dass es sich in kollektiven Denkprozessen und Gefühlszuständen ähnlich verhält und bin daher überzeugt, dass die Wahrnehmung von Stärken auch im gesellschaftlichen Prozess der bessere Weg ist, wohl wissend, dass die Experten des Negativen auch genau das negativ zu beurteilen wissen werden. Aber auf die kommt es ja auch gar nicht an!
Reimar Menne




Ich versuche zusammenzufassen:
Sie mögen das Magazin Herrkules nicht.
Sie sind ein Optimist.
Sie schauen gespannt auf die Wahl.
Sie haben schon gewählt.
Sie glauben nicht, dass die Wahl (Wahlen?) etwas ändern.
Sie glauben an eine bessere Zukunft, da Jens Spahn (?) (CDU, homosexuell) eine Umverteilung von Unten nach Oben erkannt hat.
Sie glauben nicht, dass die gesellschaftliche Elite Änderungen durchführen wird.
Sie glauben, dass eine Graswurzelbewegung Änderungen bewirken kann.
Sie glauben, dass geduldiges Ertragen von Armut, reichhaltige Ideen in Kultur und Kunst, sowie ein Bewusstsein für geistige Kräfte, Voraussetzung für eine menschliche Zukunft sind.
Basis dafür ist die christlich geprägte Kultur, die Liebe im Fokus haben soll.
Die Gegenkraft zur Liebe ist der Hass.
Wer sich mit dem Hass beschäftigt, wird selber zum Hassenden.
Wer etwas ablehnt, abwehrt, hat ein seelisches Problem.
Die Lösung ist, nicht die Probleme zu betrachten, sondern sich auf Problem freie Zonen zu fokussieren.
Wer diese Schlussfolgerung / Lösung anders (negativ) sieht, ist aus dem Diskurs raus.
Ich habe Ihren Text so verstanden und habe natürlich einige Fragen dazu. Im Subtext lese ich, dass das leider nicht möglich ist.
Schade.
Vielen Dank für diesen Text, Herr Menne.
Wie Sie freue ich mich über jeden, der freundlich und den Menschen zugewandt bleibt, weil sein eigenes Selbstverständnis nicht von den Äußerlichkeiten abhängt, die ihn umgeben. Wie Sie erwarte ich eine Änderung im Äußeren erst, wenn sich im Inneren eines Menschen etwas verändert hat.
Anders als Sie vermuten, heißt unser derzeitiges Problem aber nicht Egoismus sondern Etatismus. Anders als Sie erwarte ich darum nicht, dass verkrustete Strukturen sich in Wohlgefallen auflösen, sobald Menschen keine Eigeninteressen mehr verfolgen. Und wenn die Wenigen allen vorschreiben, was das gemeinsame Wohlergehen zu sein hätte, ist auch die Steinersche Vorstellung der freien Entfaltung der Persönlichkeit jedes Einzelnen ein für alle Mal gestorben.
Wir betrachten das selbe Problem. Wir sehen verschiedene Ursachen und Wirkungen.
R. M. liefert keine politische Analyse, sondern ein philosophisches Manifest. Seine Thesen sind in sich schlüssig, wenn man seinen elitär-bewusstseinsphilosophischen Standpunkt teilt. Aus pragmatischer oder akut-leidorientierter Sicht ist seine Haltung jedoch realitätsfern und in der Konsequenz untragbar, da sie konkrete politische Handlungsmöglichkeiten zugunsten eines langsamen, evolutionären Bewusstseinswandels verwirft.
Aus der Perspektive der akut Betroffenen (Obdachlose, Menschen in Schrottimmobilien, zerstörte Nachbarschaften etc.) ist diese Haltung untragbar und realitätsfern. Sie delegitimiert das kurzfristige, praktische politische Handeln, das Leben verbessern oder retten kann, als oberflächlich. Die ethische Pflicht, konkretes Leid hier und jetzt zu lindern, geht in seinem Modell verloren. Man könnte argumentieren, dass eine rein bewusstseinsorientierte Haltung in einer Notsituation wie der in Gelsenkirchen einer Verantwortungsvermeidung gleichkommt.
Die Haltung hat starke Anklänge an anthroposophisches Gedankengut. Die Betonung der „geistigen Kräfte“, die Entwicklung des Bewusstseins als zentraler Motor der Geschichte, die metaphorische Sprache und der Verweis auf Michael Ende (der in anthroposophischen Kreisen geschätzt wird) deuten darauf hin. Der Vorwurf der Arroganz, der oft der Anthroposophie gemacht wird, weil sie einen exklusiven Zugang zu einer „höheren Wahrheit“ beansprucht, trifft auch diesen Text zu. Sein Duktus ist der des Erleuchteten, der der unwissenden Masse und ihren oberflächlichen Politspielen überlegen ist.
Wer es mag.
Ob es hilft?
Ob Arroganz, ideologisierter Starrsinn oder was auch immer, ein „Lichtsucher“ müsste doch über jeden Hinweis auf Dunkelheit dankbar sein. Aber: was dem einen Bewusstsein schärfen für Missstände, ist dem anderen randalieren an den Toren seines Elfenbeinturmes.
Optimistische Reformer mit Sinn für Bewusstseinserweiterung findet man eher bei HerrKules, als bei der Bäckerblume. Womit ich nichts gegen die Bäckerblume sagen will, da sie ein erfolgreicheres Beispiel für „Touchpoint-Marketing“ als HerrKules ist. Genuss, Gesundheit, Lebensfreude kommt gut rüber. Die Lebenseinstellung, die Wertvorstellung, die Qualität, Regionalität und ein bewusstes, genussvolles Leben in den Mittelpunkt stellt, wird gefällig bedient.
Unbequeme Wahrheiten leiden an dem Kassandra Syndrom.
Mehr Licht!
Denen im Dunkeln das Bewusstsein schärfen, ihnen implizit klar machen, dass ihr eigenes Bewusstsein nicht reiche, um die Realität in ihrer Hässlichkeit zu erfassen, das also soll ‚helfen‘? Arroganz, wo war sie noch mal versteckt?
‚Konkrete politische Handlungsmöglichkeiten‘ finde ich tatsächlich bei dem angesagten Stechen zwischen ehemals-rot und blau nicht wirklich, und dessen Bedeutung war ja wohl das Thema der Anfrage…
Zitat: „Denen im Dunkeln das Bewusstsein schärfen, ihnen implizit klar machen, dass ihr eigenes Bewusstsein nicht reiche, um die Realität in ihrer Hässlichkeit zu erfassen, das also soll ‚helfen‘? Arroganz, wo war sie noch mal versteckt?“
Rabulistisches Ablenkungsmanöver. Es geht nicht um „spirituelle“ Bewusstseinserweiterung, um Hinweise auf personelle Defizite, sondern um politische Fehlentscheidungen, Unterlassungen etc. – immer aus der Position des „Ohnmächtigen“ gegen die „Mächtigen“.
Lachen ist Sünde!
Sie haben, anthroposophisch-ideologisch gefestigt, Ihren Beitrag mit einer Verurteilung von Satire, Spott etc. begonnen, um damit zu enden, dass nur die Wahrnehmung von Stärken zum Besseren führen wird. Vor einer anderen Sichtweise schützen Sie sich, indem Sie diese als eine von „Experten für das Negative“ verunglimpfen.
Damit sitzen Sie in der Elitarismus-Falle.
Satiriker – ich setze HerrKules vereinfachend einmal in diese Kategorie – sind noch nicht weit genug entwickelte Menschen, die durch Ihr Raster von höheren und niederen Ausdrucksformen fallen.
Da steckt die Selbstsuggestion einer moralischen Überlegenheit hinter. Andere nennen das „Arroganz“.
Sie ignorieren die Macht kontrollierende, sozialkritische Funktion von Satire, werten sie ab, entziehen sich gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, werden dadurch weltabgewandt und System-stabilisierend.
Entpolitisierung der Kunst, freiwillig. Totalitäre Systeme mussten dafür hart arbeiten, Bücher verbrennen, Bilder verbieten.
Ihre Überlegenheitsgeste, aus der heraus Sie verurteilen, wenn das böse, hässliche, unzulängliche direkt und schonungslos angesprochen wird, wirkt wie eine Duldungsstarre. Von Unrecht.
Nun haben Sie ja schon eingangs geschrieben, dass Menschen, die Ihre Sicht nicht teilen, ein „Abwehrproblem“ haben. Könnte natürlich auch umgekehrt sein.
Ich nehme den Menschen als widersprüchlich, fehlerbehaftet, auch als spöttisch und in einem ewigen, nie zu vollendenden Entwicklungszustand wahr.
Zwei Glaubenssätze also.
Sie glauben, dass erst der Verzicht auf Spott zu einem mitfühlenden Menschen führt.
Ich glaube, dass wahres Mitgefühl erst aus der schonungslosen Anerkennung der menschlichen Abgründe erwächst, dass Spott gegen die Macht, gegen Ideologien und Lachen über die eigenen Schwächen untrennbar dazu gehört.
Die Zeichen der Zeit sagen allerdings, dass es sich bald ausgespottet hat.
Totalitäre Religionen geben immer stärker den Takt vor. Während die Bibel zur Wahrheitsfindung und um soziale Kritik zu äußern, noch Propheten spotten lässt, Gott darf es eh, sieht es im Koran schon anders aus. Lachen und Spotten wird da viel rigider eingeschränkt, reglementiert, verurteilt.
Da treffen sich also Faschismus, Stalinismus und religiöse totalitäre Reglementierungssysteme etc. in der Erkenntnis, dass Spott und Gelächter das System, die Gemeinschaft zerstört. Die Angst vor dem Lachen ist die Angst der Mächtigen.
Lachen untergräbt die Autorität und fördert kritisches Denken. Muss also verboten, geächtet werden.
Lachen ist eine Gefahr für das „Höhere“. Lachen ist Sünde.
Und jetzt werde ich noch einmal Umberto Eccos „Im Namen der Rose“ lesen. Als Antidod gegen Ideologen, die die einzige Wahrheit gefunden haben. Als Verteidigung des Rechts auf Satire, Komik und Lachen als wichtigste Waffe gegen den Fundamentalismus und für die menschliche Freiheit.