Hollow Talk (69)

Das Wandern ist des Müllers Lust

 Das als Gedicht geschriebene Volkslied aus dem Jahre 1821 stammt ursprünglich von dem Dichter Wilhelm Müller (1794 – 1827) und wurde von dem österreichischen Komponisten Franz Schubert für den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ vertont. Populär wurde es allerdings erst nach 1844 durch die volksliedhafte Vertonung durch Carl Friedrich Zöllner (1800 – 1860).

Die erste Strophe lautet:

Das Wandern ist des Müllers Lust – das Wandern!
Das muss ein schlechter Müller sein
dem niemals fiel das Wandern ein
Das Wandern, das Wandern, das Wandern.

Uns muss vielleicht erstaunen, dass hier ein Müller von der unbändigen Lust am Wandern singt, denn wir verbinden Müller doch eher mit der Arbeit in einer Mühle – unabhängig davon, ob sie nun zum Mahlen von Getreide oder der Herstellung von Farben oder, wie in den Niederlanden, zum Hochpumpen von Wasser dient, damit die Weiden nicht „verwässern“.

In der fünften Strophe des Liedes wird uns aber der historisch-soziale Kontext vor Augen geführt, wenn es heißt:

O Wandern, Wandern, meine Lust – o Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin
|Lasst mich in Frieden weiterziehn 😐
Und wandern, und wandern, und wandern.

Wer hier aufbrechen will, um zu wandern, also weiterzuziehen, will nicht (nur) die Natur genießen, sondern zum nächsten „Arbeitgeber“ aufbrechen, wie es auch heute noch die „Wandergesellen“ als Ausnahmen tun. In unseren Städten sehen wir sie immer seltener, weil es mittlerweile üblich ist, die Ausbildung bei einem Meister und an einer Arbeitsstätte abzuschließen. Geregelt wird das „Wandern“ der Gesellen heute durch die Handwerkskammern. Der Aufenthalt bei einem „Meister“ liegt in der Regel zwischen drei und sechs Monaten. Danach geht es wieder auf die „Walz“. Und durch den Wechsel der Ausbildungsstelle soll erreicht werden, dass der wandernde Geselle und die wandernde Gesellin ein Fremder/eine Fremde bleiben. Deshalb dürfen sich die Gesellen ihrem alten Heimatort auch nicht über den „Bannkreis“ hinaus nähern (meistens auf 50 Kilometer festgelegt).

Heute kommt das „Wandern“ nur noch in sprachlich leicht schrägen Metaphern vor, etwa in einer Überschrift in der WAZ (Lokalausgabe Gelsenkirchen, 30.September, S. 1 Lokalteil), die da lautet:
„Armut wandert weiter ins Sozialamt“.

Ob hier das „Wandern“ nicht sprachlich „romantisiert“ wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn es geht ja um Menschen, die nicht im Kontext von Bildung und Ausbildung „ins Sozialamt“ einwandern, sondern um die stets wachsende Zahl von Menschen, die auf staatliche Grundsicherung oder andere Leistungen der staatlichen Fürsorge (Pflege, gesundheitliche Vorsorge etc.) angewiesen sind. Und da bekommt der Kontext des alten Volksliedes, wenn man sich seiner Ursprünge erinnert, schon fast einen zynischen Unterton.

Die Zahl der Empfänger von Grundsicherung ist in den zehn Jahren seit 2016 bis heute von 4703 auf 6174 Personen angestiegen. Ob jemand aus dieser Gruppe mit viel Freude zu städtischen Ämtern zum Ausfüllen von Anträgen „wandert“, lassen wir jetzt ´mal dahingestellt sein.

Jedenfalls sind in Gelsenkirchen im letzten Jahr alle öffentlichen Leistungen der Daseinsfürsorge auf 87,6 Millionen Euro angewachsen.

Immerhin 6,5 Millionen Euro mehr als noch im Jahr zuvor!

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