„Irrtum“ – Dritter Teil der Trilogie des Gelsenkirchener Arztes und Psychotherapeuten Reimar Menne

Macht man das, eine Rezension über ein Buch zu schreiben, mit dessen Autor man hier und da an anderen Projekten zusammen gearbeitet hat? Der auf Herrkules Texte veröffentlicht hat? Mit dem man, also ich, öfter sehr, sehr unterschiedlicher Meinung war, manchmal den Gedankenaustausch abbrechen musste?

Ja. Macht man, ich jedenfalls.

Buchrezension: „Irrtum“ von Reimar Menne

1. Inhalt

„Irrtum“ von Reimar Menne erzählt die Geschichte der Kriminalkommissarin Nicole Bartholomé, die nach dem Tod ihres Lebensgefährten David in eine tiefe persönliche und berufliche Krise gerät. Der Roman beginnt mit einem scheinbar eindeutigen Fall: Der Hausmeistergehilfe Dieter wird erstickt in einem Schulkeller aufgefunden, eine Mülltüte über dem Kopf. Alle Indizien deuten auf seine heimliche Freundin Felicitas Neumann, eine vorbestrafte, drogenabhängige Putzfrau mit Persönlichkeitsstörung. Nicole trägt die Beweise zusammen, die Frau gesteht – doch ein nagendes Gefühl des Zweifels bleibt.

Parallel dazu ringt Nicole mit ihrer eigenen Lebenskrise. Sie ist einsam, verunsichert, zweifelt an ihren Urteilen und sucht Halt in einer Welt, die ihr zunehmend unverständlich erscheint. Erst allmählich, durch beharrliche Nachforschungen bei Dieters alter Mutter, erfährt sie von einem lange verborgenen Familiendrama: Dieters Vater war bei dem Versuch ertrunken, den kleinen Dieter aus einem Abwasserrohr zu retten. Seit der Sohn dies als Jugendlicher erfuhr, experimentierte er mit Erstickungssituationen – eine fatale Verbindung zur Todesart des Vaters.

Die Erkenntnis, dass Felicitas Neumann womöglich unschuldig ist, kommt zu spät. Sie muss ins Gefängnis, der Wiederaufnahmeantrag scheitert, das (Justiz)System bleibt in seiner Logik gefangen. Nicole muss mit dem Irrtum leben – und mit der Frage, wie Wahrheit und Gerechtigkeit in einer unvollkommenen Welt möglich sind.

2. Genre-Einordnung

Der Roman lässt sich nicht leicht in ein klassisches Krimi-Genre pressen – und das ist seine Stärke.

Abgrenzung zur „Schwarzen Serie“: Anders als bei Raymond Chandler oder Dashiell Hammett finden wir hier keinen zynisch-resignierten Einzelkämpfer, der durch eine korrupte Welt stapft und am Ende zumindest eine private Moral rettet. Nicole ist keine einsame Wölfin, sondern eine im System verankerte Beamtin, die an dessen Regeln und an sich selbst glaubt – bis sie an den Grenzen dieses Systems scheitert.

Nähe zum sozialkritischen Krimi: Hier gibt es Parallelen zu den schwedischen Klassikern Sjöwall/Wahlöö oder später Henning Mankell. Die Milieuschilderung ist genau: die einsame alte Mutter, die drogenabhängige Putzfrau, der lebensuntüchtige Hausmeistergehilfe, die prekären Arbeitsverhältnisse in der Gebäudereinigung. Doch Menne geht weiter als die sozialkritische Tradition. Sein Interesse gilt nicht primär der Gesellschaftskritik, sondern der Erkenntniskritik: Wie kommen wir zu sicherem Wissen? Was ist Wahrheit? Wie unterscheiden wir Irrtum von Erkenntnis?

Eher philosophischer Krimi: Das Buch steht in der Tradition des „philosophischen Krimis“ – vergleichbar mit den Romanen von Friedrich Dürrenmatt (der ja auch das Problem der richterlichen Fehlbarkeit in „Der Verdacht“ oder „Justiz“ verhandelte) oder den introspektiven Kriminalgeschichten von Bernhard Schlink. Der eigentliche „Fall“ ist nicht der Tod Dieters, sondern der erkenntnistheoretische und moralische Fall Nicoles.

3. Lokalkolorit und Stimmung der urbanen Region

Die Handlung spielt im Ruhrgebiet, genauer: im Raum Gelsenkirchen/Herten/Bochum/Essen. Menne zeichnet ein bemerkenswert unaufgeregtes, aber präzises Bild dieser Region:

Die Industrielandschaft als Seelenlandschaft: Die Halden (Hoheward), die stillgelegten Zechen (Zeche Zollverein), die Industriebrachen, die „Himmelsleiter“ aus Betonquadern – all dies sind nicht nur Kulisse, sondern Teil des Bewusstseins der Figuren. Die Landschaft ist von Vergänglichkeit und Verwandlung geprägt: aus Schlacke wird ein Wandergebiet, aus Abfall wird Natur. Das ist poetisch und zugleich genau beobachtet. Der verstorbene Gelsenkirchener Autor, Philosoph, Maler Jürgen Kramer kommt mir in den Sinn, der ähnliche Parrallelen zog zwischen Bergbau und Seelenleben der Bewohner, der Stadt.

Der Park als Kontrast und Erinnerungsraum: Der kleine Park mit dem Teich und der Findling am Eingang – das ist der Ort der Kontemplation, der Erinnerung, der Begegnung mit Nicole. Hier findet der Prolog statt, hier endet der Epilog. Dieser Ort ist ein Ruhepol in der ansonsten von Industrie und urbaner Hektik geprägten Region.

Stimmung: Die Region erscheint in einem melancholischen, aber nicht hoffnungslosen Licht. Die Menschen sind „hart arbeitend“, die Arbeitsmoral ist stark, aber die globalisierte Welt hat die alten Gewissheiten aufgelöst. Der Autor zeigt Sympathie für diese Gegend und ihre Menschen, ohne sie zu idealisieren. Etwas weniger Beachtung schenkt er den neuen Herausforderungen der Armutswanderung, der kulturellen Spannungen.

4. Sprachstil und Metaphorik

Mennes Sprachstil ist behutsam, genau und von erstaunlicher sprachlicher Dichte für einen Kriminalroman. Weniger erstaunlich allerdings, wenn man mit ihm ins Gespräch kommt. Seine Sprachbilder, Metaphern, sein barocker Stil gehören auch im Alltag zum ihm.

Besondere Merkmale:

  • Lange, komplexe Sätze – oft mit eingeschobenen Gedankengängen, die den inneren Monolog Nicoles abbilden. Das ist kein flüssiger Krimi-Slang, sondern eine reflektierte, fast meditative Prosa.

  • Präzise Beobachtungen: Die Beschreibungen von Gerüchen (feuchter Keller, Kotgeruch des Toten), Farben (tiefblaue Haut, orange-gelbe Sanddornbeeren) und Atmosphären sind sinnlich und genau.

  • Metaphern des Fließens und der Enge: Wasser, Atmung, Strömung, Eingeschlossensein – dies sind die zentralen Bilder. Der Tod Dieters und seiner Vaters ist ein Ertrinken/Ersticken; Nicoles Ängste äußern sich als klaustrophobische Atemnot; das Leben selbst wird als Fluss beschrieben, der stocken kann.

  • Dialoge: Die Gespräche sind oft schwerfällig, nicht elegant – aber das ist gewollt. Es sind Gespräche von Menschen, die sich schwer ausdrücken (Felicitas Neumann, die alte Mutter) oder die um Worte ringen (Nicole in ihrer Krise).

Ein Beispiel für die metaphorische Dichte: Die Wolken über der Stadt, die „sich in Zivilisationslicht schimmernden“ Wolken aus Nicoles Entführungserinnerung – das ist zugleich reales Naturphänomen und Symbol für die Vergänglichkeit des Irdischen.

Der Stil ist nicht für Leser geeignet, die schnelle, actionreiche Krimi-Unterhaltung suchen. Für Leser, die sprachliche Reflexion und philosophische Tiefe schätzen, ist er dagegen von hohem Rang.

5. Handlungsfluss, Spannung und moralische Quintessenz

Handlungsfluss: Der Roman ist zweigeteilt. Die erste Hälfte (bis etwa Kapitel 7) folgt dem klassischen Krimiplot – Ermittlung, Indizien, Verurteilung. Danach verlangsamt sich das Tempo erheblich. Die „Wanderung“ im Jura, die ausgedehnten Urlaubskapitel, die langen Gespräche mit der Mutter – dies ist kein linearer Plot mehr, sondern ein Erkenntnisprozess in Zeitlupe. Die Spannung ist nicht die des klassischen Whodunit, sondern die des allmählichen Erkennens: Wird Nicole ihren Irrtum begreifen? Kann sie ihn korrigieren?

Spannung: Menne baut eine unterschwellige, fast existenzielle Spannung auf. Die Frage ist nicht „Wer war es?“, sondern: „Wie gehen wir mit unseren Irrtümern um?“ und „Kann Wahrheit überhaupt erkannt werden?“ Diese Spannung ist stiller, aber nachhaltiger als die eines herkömmlichen Krimis.

Moralische Quintessenz: Die zentrale Botschaft des Romans ist tief resignativ – aber nicht zynisch. Nicole erkennt ihren Irrtum, kann ihn aber nicht korrigieren. Das System (Indizienprozess, Geständnis, Rechtskraft) siegt über die Wahrheit. Die Wiederaufnahme scheitert, Felicitas Neumann bleibt in Haft. Die Quintessenz scheint: Das Streben nach Wahrheit ist notwendig, aber sein Gelingen ist niemals garantiert. Irrtum ist eine existenzielle Kategorie des Menschen.

Ist die Resignation glaubwürdig? Ja. Menne zeigt überzeugend, wie Indizien, Verfahrenslogik und psychologische Faktoren (das Geständnis aus Verzweiflung, die Demenz der Mutter, der unwillige Verteidiger) zu einer Sackgasse führen. Nicoles Resignation ist nicht faul oder feige, sondern die resignierte Einsicht in die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens und der institutionellen Gerechtigkeit.

6. Autorintention und biografischer Hintergrund

Reimar Menne ist Psychotherapeut und 75 Jahre alt – das ist für dieses Buch von zentraler Bedeutung.

Spürbare Motive:

  1. Das Ringen um Wahrheit in der Psychotherapie: Als Therapeut weiß Menne, wie schwer es ist, zur Wahrheit über sich selbst und andere zu gelangen. Die Verstrickungen von Erinnerung, Selbsttäuschung und unbewussten Motiven sind sein Fachgebiet. Der Roman ist eine dramatische Umsetzung dieser therapeutischen Grundfrage.

  2. Das Altern als Herausforderung des Denkens: Die 75 Jahre des Autors spiegeln sich in der Frage, wie man angesichts des nahenden Endes zu einem „geistigen Extrakt“ des Lebens kommt. Der Prolog spricht dies explizit an: „Den geistigen Extrakt meines Lebens“ – das ist die Bilanzfrage eines älteren Menschen.

  3. Die Demenz der Mutter als erschütterndes Detail: Die alte Mutter verliert am Ende ihr Gedächtnis – eine Erfahrung, die Menne in seinem Alter sicherlich als reale Bedrohung kennt. Die Vergänglichkeit des Bewusstseins ist ein Leitmotiv.

  4. Die skeptische Haltung gegenüber „Expertenwissen“: Der Autor zeigt in den Diskussionen über Klima, Corona, Drogenpolitik, Russland-Ukraine Krieg, eine tiefe Skepsis gegenüber der selbstgewissen Wissenschaft. Das ist kein pauschaler Wissenschaftsfeind, sondern die Position eines Alten, der viele Gewissheiten hat kommen und gehen sehen.

Fazit: Menne schreibt nicht, weil er einen guten Krimi produzieren will, sondern weil ihn die existenzielle Frage umtreibt: Wie können wir in einer Welt voller Irrtümer zu wahrer Erkenntnis gelangen? Die Krimi-Handlung ist das Vehikel für diese philosophische Reise.

7. Zielgruppe und regionale Bedeutung

Für welchen Leserkreis ist das Buch ein Gewinn?

  1. Philosophisch interessierte Krimi-Leser: Wer Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt, Bernhard Schlink oder Donna Leon (mit ihrer melancholischen Grundstimmung) schätzt, wird hier auf seine Kosten kommen.

  2. Psychologisch versierte Leser: Menschen mit therapeutischer oder psychologischer Ausbildung werden die Tiefe der Charakterzeichnung und die erkenntnistheoretischen Fragen schätzen.

  3. Reife Leser, die existenzielle Fragen nicht scheuen: Der Roman ist nichts für junge, ungeduldige Leser, wohl aber für Menschen in Lebenskrisen oder solchen, die über den Sinn ihres Lebens nachdenken.

  4. Freunde des Ruhrgebiets: Die genauen Milieuschilderungen, die Industrie-Erinnerungskultur, die melancholische Schönheit der Haldenlandschaft – all das macht den Roman zu einem Heimatbuch für Kenner der Region.

Bedeutung für Gelsenkirchener:

Das Buch ist ein Geschenk für die Stadt und ihre Bewohner. Selten wird Gelsenkirchen so unaufgeregt, genau und liebevoll porträtiert – nicht als „Problemstadt“, sondern als Ort mit Tiefe, Geschichte und eigenem, melancholischem Charme. Der Park, die Halden, die „Himmelsleiter“, der Bach, der in der Unterwelt verschwindet – das sind reale Orte, die Menne in eine existenzielle Topografie verwandelt. Ein Gelsenkirchener wird beim Lesen vieles wiedererkennen und vielleicht anders sehen lernen.

Gesamtbewertung:

„Irrtum“ ist kein leichter Roman, aber ein bemerkenswerter. Er verbindet Krimispannung mit philosophischer Tiefe, Heimatverbundenheit mit existenzieller Reflexion. Das Buch stellt Fragen, die im üblichen Krimi-Betrieb nicht gestellt werden: Wie sicher ist unser Wissen? Was rechtfertigt unser Urteil? Wie leben wir mit unseren Irrtümern?

Die Antworten, die Menne gibt, sind resignativ, aber nicht verzweifelt. Das System mag siegen, aber die Frage bleibt. Und vielleicht ist es gerade die Unabgeschlossenheit, die das Buch so wahr und nachhaltig macht.

Empfehlung: Für Leser, die an der Grenze zwischen Krimi und Philosophie stehen – und für alle, die das Ruhrgebiet in seiner stillen, abendlichen Schönheit sehen wollen.

 

Reimar Menne „Irrtum“ Roman, Renneritz Verlag 2025 ISBN 978-3-940684-42-4

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4 Kommentare
Itsy Bitch

Gedankenschwer
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Gedankenschwere
Gedankenschwere
Gedankenschwere
Soooooooooooooooo schwer
Schwere.
Die Wahrheit haben die Cowboys entlarvt:

https://youtu.be/dpOFNJOXMS4?si=UjA1Eh_yE9VxjTW9

Ali-Emilia Podstawa

… angefangen … pausiert… noch ein Buch für den Urlaub. Ich hoffe, das Regal passt auf die Rücksitze.

Ali-Emilia Podstawa

… wird noch was dauern.

Hier liegt auch noch „Der Tod ist groß …“ von Menne.

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