„Auf den ersten Blick wirkt der Name des Stichpimpuli Bockforcelorum sehr außergewöhnlich, doch dieser wurde nicht rein zufällig gewählt, sondern hat eine tiefere Bedeutung:
Bedeutung des Namens
- Stichos (ein Kräuterextrakt)
- Pimpernuss
- Pulque
- Liebstückel (vom Ligusterstrauch)
- Bocksdorn (vom Bockshornklee)
- Forle (so wird der Saft junger Kiefern genannt)
- Cerealien (steht hier für den beigemischten Korn)
- Lotus
- Rum
Durch diese Zusammensetzung ergibt sich der extravagante Name des Kräuterlikörs. Der Stichpimpuli Bockforcelorum ist ein äußerst schmackhafter Kräuterlikör aus der ehemaligen DDR. Heute wird der Stichpimpuli Bockforcelorum Kräuterlikör nach seinem alten Rezept in der Klosterbrennerei des Klosters Walkenried gebrannt und ist bei Fans schon ein “Klassiker“.“ (Quelle: https://www.conalco.de/stichpimpulibockforcelorum)
Wer nach Leipzig kommt, muss natürlich in „Auerbachs Keller“ (Szene V in Goethes „Faust 1“) einkehren, der zweitältesten Gaststätte der Stadt. Hier treffen im Drama des Großmeisters Goethe Faust und Mephistopheles aufeinander. Und da die Schankwirtschaft 500 Jahre geworden ist, war es kein Wunder, dass ich, neben etlichem Tand und Tinnef, auch mundgeklöppelte Postkarten, Bitten um Samenspenden für 80jährige, arbeitslos gewordene Paketboten, die eine Umschulung zum Tigerdompteur anstrebten, sowie Bettelbriefe der Fanfarenbläser des Buerschen Doms auch eine Einladung zur Silvesterparty in besagtem Keller in meinem Briefkasten fand.
Das Schreiben war edel aufgemacht: Feinstes Büttenpapier, von Hand geschriebene Einladung, ausreichend frankiert! Als Einladender firmierte ein Lucius Leuchtentrager, der sich als Geschäftsführer vorstellte und auch noch einen Fünf-EURO-Gutschein beigefügt hatte. Ich will nicht zu viel kritisieren, jedenfalls nicht gleich zu Beginn. Aber leicht angekokelt roch das Einladungsschreiben schon. Der Geruch erinnerte mich an die in Heimarbeit korrigierten Oberstufen-Deutsch-Klausuren meines vormaligen Paukers auf dem Gymnasium, der gerne Fehlfarben-Zigarren paffte, während er sich von seiner isländischen Reinigungskraft die Bude und die Zehennägel, die er in einer kleinen Blechdose für die Reinigung der Zahnzwischenräume als Zahnstocher aufbewahrte, auf Vordermann bringen ließ. Wie dem auch sei: Jeder Mensch ist frei, allein zu entscheiden, wie er seine Zahnzwischenräume sauber hält. Und warum also nicht auch ein Deutschlehrer, der in den langen Stunden im Schützengraben die eine oder andere Zigarre weggepafft hatte. Jeder und jede ist seine (oder ihr) eigenen Glückes Schmied(in)!
Ich jedenfalls begann für einen Moment in Erinnerungen zu schwelgen. Der Mathe-und Religionslehrer, der angeblich in der KPD war. Der junge Englischlehrer, der in einem standesgemäßen Triumph Spitfire vor der Schule parkte. Der Kunsterzieher, den wir einmal am Niederrhein besuchten, bei dem ich meinen ersten Kaffee trank und der gemeinsam mit seinem Bruder den Grundstock für die Beuys-Sammlung auf Schloss Moyland legte. Und natürlich der Deutschlehrer, der ein knappes Jahr vor dem Abi vorzeitig in Pension geschickt wurde, weil er in einer Pause einen Sextaner geohrfeigt hat, was dazu führte, dass das Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges, das unmittelbar neben unserer Schule stand, mit dem Spruch „Prügelpauker raus“ verziert worden war.
Ja, und dann natürlich diese seltsame Einladung. Persönlich, aber doch dringlich, fast befehlend vom Unterton her, so als wäre eine Absage so etwas wie ein Verstoß gegen das 11. Gebot: Du sollst keinen anderen Gott haben neben mir! War die ganze Sache ein Schülerspaß, ein Fake, der Versuch, mich hinter die Fichte zu führen? War irgendwo eine versteckte Kamera? Wollte man prüfen, ob ich leicht zu verschaukeln war? War es der Spaß von Kollegen, die auf ihre Pensionierung warteten?
Die einfachste Lösung war es wohl, mich höflich für die Einladung zu bedanken und zu versuchen, den Geschäftsführer persönlich zu sprechen. Ich wählte also die Nummer 0341 216 100. Es meldete sich eine Dame mit dem Namen Sundermann. Ich bat darum, mich mit Herrn Leuchtentrager zu verbinden, weil ich mich bei ihm für die Einladung zur Silvesterfeier bedanken wollte. Da müsse ich mich wohl verwählt haben, meinte Frau Sundermann. Einen Herrn Leuchtentrager gäbe es in der Firma nicht. Es gäbe aber einen Herrn Leuchtentrager beim städtischen Versorgungsamt und Reinigungsdienst. Sie nannte mir die Rufnummer!
Ich bedankte mich freundlich, zauderte und zögerte dann aber doch. Sollte ich mich wirklich für die Einladung zu einer Party bedanken, zu der ich hinzufahren nicht die Absicht hatte? Wenn Herr Leuchtentrager mir nun mitteilte, er hätte die Einladung überhaupt nicht verfasst, sondern da hätte wohl ein Intrigant mit uns beiden einen Scherz getrieben? Oder wenn er mir sagen wollte, er sei nebenberuflicher Handelsvertreter für Bio-Baumwolle, die bei Vollmond von 12 Frauen unter dem Absingen patriotischer Lieder abgeerntet würde? Vielleicht hatte er aber auch eine selbstreinigende Pumpe für ein 5000-Liter-Aquarium entwickelt oder sei Erfinder unnützer Gegenstände, etwa von Spaten mit Griffen für Linkshänder? Vielleicht waren es aber auch schlicht die Lottozahlen des kommenden Samstags, die er mir im vorauseilenden Gehorsam zu verkünden gedachte? Oder doch nur das Rezept für Leipziger Allerlei, das anzupreisen er sich vorgenommen hatte?
Es gab hier nur zwei Lösungen: Zum Hörer greifen und anrufen oder es lassen und mit einer unbeantwortet gebliebenen Frage leben! Ich wollte mir etwas Zeit nehmen, an der frischen Luft durchatmen, einmal um den Häuserblock gehen! Warf mir also meinen Mantel über und trat ins Treppenhaus. Im Hausflur stand direkt neben der Tür zu meiner Wohnung ein Präsent. Offensichtlich eine Flasche!
Es war der Kräuter-Likör STICHPIMPULI BOCKFORCELORUM, abgefüllt in der Klosterbrennerei Walkenried.
Dabei lag noch ein Zettelchen mit sechs Zahlen und dem Hinweis:
Die Zusatzzahl für den kommenden Samstag musst du dir selbst ausdenken. Dein Lucius L.


