Die AfD hatte zum Kommunalwahlkampf gerufen. Gekommen war eine überschaubare Anzahl ihrer Sympathisanten. In Rufweite simulierte die Gegnerschaft mit ähnlich geringem Besucherzuspruch eine Widerstandsbewegung.
Da die Öffentlichkeit nicht mehr vor umherstreunenden YouTubern sicher ist, tummelten sich gleich mehrere dieser Zeitgenossen mit Kameras und Smartphones zwischen Heinrich und dem Neumarkt, behaupteten, politisch neutrale journalistische Leistungen zu erbringen und schaufelten alles unbearbeitet direkt ins Netz. Nach großer Überwindung kann man sich das Zeug auf YouTube abschnittsweise antun. Aber Achtung! Danach wird man den Menschen in der Gelsenkirchener Innenstadt nur noch mit sehr großem Vorbehalt begegnen können: Waren die nur gestern so drauf? Oder sind ständig so viele Leute mit einem dermaßen demolierten politischen Kompass in der Innenstadt unterwegs?
https://www.youtube.com/live/RqpeiiSfOB8
Die eingefangenen Äußerungen des Publikums? Substanzlos, widersprüchlich, surreal.
„Habt den Mut euch eures eigenen Verstandes bedienen zu lassen – Immanuel Kant“, gibt ein dunkelbärtiger, augenscheinlicher Migrant der 2. Generation im Deutschland-T-Shirt zu Protokoll und rückt dabei seine Sonnenbrille unter der AfD-Kappe zurecht (bei ca. 51:37). – Knapp daneben ist auch vorbei.
„So gut, wie es uns in Deutschland geht, da sollte sich mal die AfD ein Beispiel drannehmen. Uns geht es sehr gut. Sehr gut geht es uns!“, sagt eine 81jährige Seniorin, die sich „nur aufregen kann“ über diese Partei (bei ca. 2:52:35). – Den Leuten ist das Brot zu teuer? Sollen sie Kuchen essen.
Auf der „antifaschistischen“ Gegenveranstaltung sieht man Menschen mit Demo-Abo, die immer dabei sind, wenn eine unmittelbar drohende Machtergreifung der politischen Feinde imaginiert wird. Gruppen, die sich im Horster Vorgarten der Marx- und Leninabbilder tummeln oder im Umfeld der Stadtverwaltung ihre gefüllten Töpfe abgreifen, die Fahne der umbenannten SED ist zu sehen, ein paar Gewerkschaftsfahnen und Pappschilder, darunter eins mit der Aufschrift: „Ganz viel Zeit, immer da, Arbeitslose – ANTIFA“. Ein Redner stellt die Konzerne sowie die Ruhrkohle an den Pranger. Die AfD sei voll von diesen Kapitalisten. Eine hörbar emotional angefasste Rednerin behauptet, „sie [die AfD] wollen uns in die 1950er katapultieren“, also dahin, wo ihr Vorredner gedanklich noch lebt. An all das wird sich bereits Sekunden später niemand mehr erinnern. – Regenschirme auf Beinen dienen als Sichtschutz vor dem politischen Gegner, getragen von Leuten mit Pali-Tuch und Rotem Stern auf der Kappe. Es soll nicht gefilmt werden. Brandmauer To Go zum Aufklappen, so sieht sie also aus. Kleines Gerangel mit der Ordnungsmacht. Dazwischen Lieder aus den guten alten Zeiten, als das Proletariat sich angeblich auflehnte gegen den fortschreitenden Wohlstand durch die soziale marktwirtschaftliche Ordnung, als alles im Ruhrgebiet brummte… – Dann das Steigerlied. – Das Steigerlied!?!?
Derweil heiße Luft aus der blauen Bühne mit endloser Schilderung von wem was falsch gesagt wurde und, dass alle Unrecht hätten außer „wir“. Die energische Vorsitzende besitzt die Gabe der unterbrechungsfreien Äußerung. Sie spricht ohne Punkt und Komma. Der OB-Kandidat redet Großteils über Dinge, die bereits zu Baranowskis Zeiten im Programm der SPD zu finden waren, er ähnelt ihm sogar in Statur und Auftreten. „Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit in der Stadt.“ Aber dazu müsse die ungeregelte Zuwanderung umgedreht werden. Der Sprengstoff in der Gesellschaft sei erst weg, wenn es wieder wie vor 2015 sei. Zwischendurch „magische“ Momente mit dem lokalen Schlagerstar, der nach Selbstaussage vor Jahren erstes Opfer der Cancel Culture in seiner Heimatstadt wurde. Das Ruhrgebiet wird hymnisch glorifiziert. Jetzt noch die Feuerzeuge an – aber das Pils fehlt. Schließlich tritt der für überregionales Interesse sorgende Gastredner in Aktion. Er spricht über Gesellschaftskonflikte aufgrund religiös motivierter Interessensgruppen, dem politischen Islam, und was ihm sonst gerade durch den Kopf geht. Gegen die Langeweile tritt er in Interaktion mit Menschen, die – von der Gegendemo inspiriert – den Kampf gegen das Böse sofort aufnehmen wollen, sich unter Stress aber nicht artikulieren können und deshalb vorgeführt werden. – Dann das Steigerlied. – Das Steigerlied!?!
An den Rändern der beiden Kundgebungen finden Scharmützel statt zwischen Menschen, denen man ihre unterschiedlichen politischen Positionen bereits von weiten ansieht. Wie sie gegeneinander und nicht miteinander reden, sich mit Worten beleidigen, sich mit Gesten provozieren oder sogar Kinder mit Trillerpfeifen als Störkulisse einspannen, das ist Standard für die Zukunft.
Wir fassen zusammen: Die Stadt erlebte eine Streitkultur wie im Kindergartensandkasten. Passend dazu hat man das einzige Förmchen gefunden und ausgebuddelt, um dessen Besitz man wohl noch nicht gestritten hatte: Das Steigerlied. – Das Steigerlied!
Die Veranstaltungen ebben ab. Der Streamer streamt weiter. Eine Frau wandert provokant als Scheißhaufen verkleidet im Vollkörperkostüm herum (2:51:00), bemerkt nicht, dass sie mit dem verkommenen Typen neben ihr (ca. 2:53:00) dann wohl im selben Team spielt. Dieser schleudert in kurzer Zeit die maximal mögliche Menge an Gewaltandrohungen und Entmenschlichungen dem Streamer entgegen. Purer Hass in seinen Augen deutet auf eine langjährige linksextreme Gehirnwäsche hin. Eine tickende Zeitbombe, der alles zuzutrauen ist, wenn sich Gelegenheiten ergeben. Demnächst dann endlich Straßenschlachten?
Fazit: Die rechte wie linke Show zieht Menschen an, denen man jahrelang versprochen hatte, ihre Alltagsprobleme seien leicht lösbar – waren sie aber nicht. Egal, wen sie nun wählen, sie werden auch diesmal enttäuscht werden. Die allermeisten Gelsenkirchener waren an diesem Nachmittag mitten in der Woche nicht im Wahlkampf, sondern haben die Grundlagen für das Zusammenleben erwirtschaftet, sich um Bedürftige gekümmert, wurden mit dem Verfall der Infrastruktur konfrontiert und sind trotzdem ihren sonstigen Pflichten nachgegangen. Was bei der Kommunalwahl herauskommen wird, bleibt also ungewiss.



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Die Medienarbeit der AfD ist also sehr erfolgreich.
Die müssen nicht argumentieren, erklären, überzeugen, sie müssen nur den politischen Gegner zeigen.
Die Strategie der NPD früher war, Mitglieder ihrer Partei unerkannt an die Wahlkampfstände der anderen Parteien zu schicken. Dort stimmten sie in Teilen den Argumenten zu, um dann fragend die Zuhörer auf ihre Seite zu ziehen und ihre Hauptthesen als kleiner Mann von der Straße treffsicher zu platzieren.
Das braucht die AfD nicht, es reicht, dass sich ihre politischen Gegner selber vorführen.
Die Show gestern hat sehr sicher AfD Wähler bestärkt und in ihrer Sicht auf die Welt bestätigt.